Japan Tag 21 – Von Suzuka nach Obu

Japan Tag 21 – Von Suzuka nach Obu

Auf die letzten Tage hier schaffe ich es doch noch, gut zu schlafen. Ausgeruht und frisch wache ich auf, aber draußen regnet es wie aus Eimern. Die Zeit bis zum Frühstück vertreibe ich mir ganz gemütlich im Bett, dann frühstücke ich ausgiebig.

Frühstück, erster Gang.

Ich sitze auf gepackten Taschen, aber es regnet so stark, dass ich normalerweise heute nicht weiterradeln würde. Aber ich bin nur eine Tagesreise von meinem Ziel entfernt und laut Vorhersage soll der Regen im Laufe des Tages weniger werden. Falls ich hier bleiben würde, würde ich wie auf heißen Kohlen sitzen und es gar nicht genießen können. Bis zum Checkout bleibe ich noch in meinem Hotelzimmer, doch dann packe ich mich in meine Regenkleidung und ziehe los.

Rad, bepackt,
Draußen, nass.

Insgesamt liegen knapp 70 Kilometer vor mir. Wasser kommt von allen Seiten, aber was soll’s. Wenigstens kühle ich nicht aus. Pausen sind rar gesät. Ich möchte mein Handy auch nicht aus der Schutzhülle nehmen, um ein Bild zu machen. Sonst habe ich Schwierigkeiten, es wieder reinzufriemeln und alles beschlägt von innen. Also radle ich in meinem ganz persönlichen Takt. So bin ich immer warm genug. Als Mittagsziel steuer ich einen weiteren Pokemon Gullideckel an. So brauche ich nicht die ganzen 70 km auf einmal angehen.

Pokemon Gullideckel in Yokkaichi.

Direkt daneben befindet sich ein Starbucks, das ist eher nicht mein Fall. Also gucke ich noch ein bisschen weiter, finde ein Café, das in wenigen Minuten öffnen wird und warte davor. Ich warte nicht allein, das Café scheint sehr beliebt zu sein.

Schließlich werden die Türen geöffnet und ich schäle mich im Eingangsbereich aus meinen nassen und dreckigen Lagen Kleidung. Das muss ich nicht alles in den Laden tragen. Die Bedienungen sind sehr freundlich und sprechen in der maximalen Höflichkeitsform mit mir. Das ist für mich ein bisschen schwer zu verstehen, da teils komplett andere Wörter verwendet werden als in der normal-höflichen Sprache oder der Umgangssprache. Theoretisch habe ich das alles gelernt und wiedergekäut, aber in der Praxis dauert es etwas, bis das Wort in meinem Kopf den richtigen Vokabelzettel findet, es in die Zusammenhang-Verstehzentrale weitergeleitet wird und da einen Stempel aufgedrückt bekommt.

Ich bestelle mir eine scharfe Pfanne Natto und Keema (Hackfleisch nach indischer Art), dazu braunen Reis und als Nachtisch noch einen Milchkaffee mit einem Eis mit allerlei Leckereien.

Keema Natto Curry mit braunem Reis.
Leckeres Parfait – der Milchkaffee musste schon dran glauben.

Die Bedienungen sprechen mit mir in dieser superhöflichen Form und sind dabei so überenthusiastisch, dass ich mir denke, so ähnlich muss das in den teuren Bars zugehen, in denen das Vorspielen einer gewissen Beziehungsebene mit im Preis der Getränke inbegriffen ist. Es ist eine andere Form des Enthusiasmus, den ich in ländlichen Regionen erlebt habe, es fühlt sich nicht ganz echt an. Dabei glaube ich nicht, dass die Bedienungen innerlich mit den Augen gerollt haben, es war nur ein bisschen zu viel für meinen Geschmack aber ist wahrscheinlich Teil des Geschäftkonzepts.

Da ich pitschnass bin, wird mir als Geschenk des Hauses ein Handtuch überreicht. Vielleicht sehe ich so fertig aus, dass sie denken, das Handtuch ist nach dem Benutzen eh hinüber. 🙂 Ich werde höflichst gefragt, ob ich bereit wäre, eventuell ein Bild vor dem Laden zu schießen für die sozialen Netzwerke, mit meinem Fahrrad. Na klar, das ist meine leichteste Übung. Ich hole mein Rad, das ich ordnungsgemäß auf dem Fahrradparkplatz abgestellt habe, der sich ein paar hundert Meter entfernt befindet. Mit Fahrrad und in Regensachen vor dem Laden halte ich den Daumen hoch. Neben mich stellt sich eine Bedienung und präsentiert ein Päckchen wunderschöne Kekse, die mir nach dem Foto überreicht werden. Es kommt auch noch ein Päckchen Nudeln obendrauf. Mit einem neuen Handtuch, Keksen, Nudeln und einem vollen Bauch ziehe ich weiter durch den Regen.

Je näher ich an Nagoya komme, desto schwieriger wird die Navigation an Autobahnkreuzen und Brücken. Normale Straßen, Super-Express-Autobahnen, Schnellstraßen, Fußgängerwege, alles stapelt sich teils vierlagig übereinander und jede Kreuzung scheint anderen Gesetzen zu folgen. Es dauert manchmal ganz schön lange, bis ich die Logik eines neuen Knotenpunktes verstanden habe und mich sicher durchwuseln kann. Aber mit Geduld und ein bisschen Zuversicht finde ich mich schon irgendwie zurecht.

Kurze Regenpause unter einer Brücke, und auf eine Brücke.

Irgendwann möchte ich auch ganz gerne ankommen. Einerseits finde ich es jetzt schon schade, diese Reise voller Überraschungen, toller Begegnungen und die nomadische Leichtigkeit wieder verlassen zu müssen. Andererseits gibt es einige Dinge, die ich vor meinem Abflug noch in Ruhe klären möchte. Und ein bisschen Durchatmen wäre auch nicht schlecht. Mein letzter Ruhetag war im schönen Pflaumenort Minabe, das liegt auch schon wieder so lange zurück.

Pitschnasse Pinkelpause.

Die Kilometer werden weniger und weniger, nur der Regen weicht mir heute nicht von der Seite. Doch wie im Leben alles vergeht, vergeht auch diese Tagesetappe und ich komme an Tomokos Haus an.

Geschafft!
Parkplatz meines lieben Rades.

Tomoko lebt in einem schönen, alten japanischen Haus in einer städtischen Region. Zunächst gehen wir zusammen zum Ahnenschrein, zünden drei Räucherstäbchen an und bitten so um den Segen für meinen Besuch. Dann wasche ich mich gründlich und steige in das 43 Grad heiße Badewasser. Das hat mein Körper wirklich gebraucht nach diesem Tag. Anschließend gibt es Abendessen zusammen mit den anderen beiden Frauen, die hier im Haus leben. Tomokos Mutter und ihre Nichte Makiko. Zusammen öffnen wir das Fläschchen Pflaumenbrandy aus dem Jahr 2008, das mir in Minabe geschenkt wurde. Es ist der erste Tropfen Alkohol, den ich auf meiner Reise trinke, er ist sehr mild und wohl bekömmlich.

Oma, Tomoko und ich, Makiko schießt das Foto.

Meine schlaue Uhr sagt mir, dass ich seit dem Start meiner Reise in 19 Tagen 930 km geradelt bin und dabei 7200 positive Höhenmeter erklommen habe. In der Realität waren es wohl eher 1000 Kilometer, ich habe öfter vergessen, meine Uhr zu starten. Darauf einen Pflaumenbrandy!

2 Comments

  1. Eri

    I am happy to see you arrive in Obu safe and sound!! Also weird to see you in my mom’s place have a good rest, I can’t wait to catch up with you when you get back

    • Luisa

      Unfortunately Makichan sleeps in your room, so my pilgrimage to your house is not quite complete. It’s so nice to be here! Tonight we’ll have dinner at your old part time job place. 🙂
      I hope you’re doing well! <3

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