Japan Tag 4 – Von Omishima nach Imabari

Japan Tag 4 – Von Omishima nach Imabari

Schlafen ist bislang nicht meine Stärke in Japan. Ich bin zwar gut eingeschlafen mit dem Trommeln der Regentropfen auf meinem Zelt, aber um 2 Uhr morgens wache ich auf und kann nicht wieder einschlafen. Macht nichts, ich schmiede ein paar Routenpläne und entspanne mich einfach. Mein Schlafsack ist trocken und warm.

Um 6 Uhr morgens klingt eine Melodie aus den Lautsprechern, die hier fast überall installiert zu sein scheinen. Vielleicht zur Kommunikation im Katastrophenfall? Gestern abend um 21 Uhr gab es noch eine kleine Gute-Nacht-Musik.

Schließlich stehe ich auf und mache mich langsam ans Frühstück. Reste von gestern essen. Ich sitze am Meer, alles ist so friedlich. Ein Japaner geht vorbei auf dem Weg zum Toilettenhaus. Ich rufe freudig おはよう!(Ohayō – Guten Morgen!) Und er antwortet mit ございます。(Gozaimas – *Höflichkeitsform*). Jetzt bin ich mir unsicher, ob er mir sagen wollte, dass wir uns nicht kennen und ich wirklich die Höflichkeitsform verwenden sollte. Oder verstehen wir uns so gut, dass wir unsere Sätze gegenseitig beenden?!

Morgenstimmung.

Das Zelt muss ich leider nass einpacken, mal sehen wie der Aufbau später wird. Ich verabschiede mich von Reuben, aber vielleicht fährt man sich nochmal über den Weg. Wir fahren generell in eine ähnliche Richtung.

Mein Zelt und Rad.
Reuben aus Australien.

Aber erstmal mache ich einen Umweg nach Sakari. Ich bin früh dran, fahre ein bisschen durch enge Nebenstraßen und freue mich, das einfach so machen zu können.

Mit der Fähre setze ich nach Ōkunoshima über. Zu Zeiten des zweiten Weltkrieges wurde hier Giftgas produziert. Dazu brauchte man ein paar Versuchskaninchen. Buchstäblich. Nachdem die Amerikaner die Giftgasproduktion eingestellt hatten, vermehrten sich die Versuchskaninchen auf der Insel… wie die Karnickel eben. Heute ist Ōkunoshima eine skurrile Mischung aus Ruinen und süßen, zahmen Kaninchen. Ich hatte kein Futter mitgebracht. Trotzdem kommen die Häschen ganz nah. Eins rennt mir sogar vors Fahrrad und bleibt dort stehen, aber ich fahre langsam und kann rechtzeitig bremsen. Danke an dieser Stelle an meinem Kumpel Beule für den Tipp mit der Kanincheninsel!

Warten auf die Fähre.
Warten auf der Fähre.
Neugieriges Kaninchen.
Giftgasfabrikruinen.
Inselrundweg auf Ōkunoshima.
Alter Schrein auf Ōkunoshima.
Noch mehr Ruinen.
Kaninchen und Rad.
Inselrundweg.
Bunker.
Hasis.
Noch ein Hase.

Schließlich nehme ich die nächste Fähre zurück nach Sakari auf Omishima. Ich muss heute noch Strecke machen, der nächste Zeltplatz ist ganz schön weit. Ich fahre über zwei Brücken und langsam bekomme ich einen ganz schönen Hunger. Ich schiebe mir ein paar Energieriegel rein und stoppe am nächsten Konbini, um mich mit mehr Kalorien zu versorgen. Erstaunlich, wie selten ich echt Hunger habe. Den Unterschied merkt man erst, wenn die Zellen nach Nahrung rufen, das fühlt sich ganz anders an als der emotionale, der Gewohnheits- oder Gelegenheitshunger.

Fahrt bergauf mit Kischblüten.

Irgendwann komme ich an einem kleinen Imbiss vorbei. Leider ist das täglich wechselnde Menü schon vergriffen, also bestelle ich mir Okonomiyaki. In Onomichi habe ich Okonomiyaki mit Buchweizennudeln (Soba) gegessen, heute bestelle ich mir Okonomiyaki mit Udonnudeln. Das sind dicke, saftige Nudeln aus Weizenmehl. Leider muss ich über eine Stunde auf mein Essen warten, vor mir kam eine große hungrige Gruppe an, die vor dem Restaurant wartet. Ich werde ganz schön unruhig, denn ich will es heute noch bis zu dem Campingplatz schaffen und mein Zelt will auch noch getrocknet werden. Später kann es sein, dass es wieder regnet. Aber ich brauche unbedingt Nahrung, bevor ich weiterradeln kann. Irgendwann kommt das Essen. Ich schaufle in mich hinein und zahle kurz darauf mit einem 2000 Yen Schein. Der Wirt begutachtet den Geldschein und sagt 珍しい… (mezurashii: seltsam, ungewöhnlich). Ich sollte herausfinden, was an den 2000 Yen so kurios ist.

Kirschblüten.

Die letzte Brücke ist die längste bisher und sie führt mich in die Stadt Imabari. Hier ist der Fahrradweg offiziell zu Ende. Ab hier muss ich meine eigene Route suchen und kann mich nicht mehr an einer blauen Linie auf dem Asphalt orientieren.

Brücke nach Imabari.
Nochmal Brücke.

Ich fummele an meinem Handy rum, bis die NavigationsApp meines Vertrauens (Osmand+) mir eine Route vorschlägt. Ich habe eingegeben, dass stark befahrene Straßen vermieden werden sollen, wenn es geht. Das kostet wieder Zeit, aber macht ganz viel Spaß, dass echte Leben zu sehen. Kirschbäume in voller Blüte säumen Kanäle und Familien versammeln sich zum Picknick. Ältere Leute gehen spazieren. Junge Mädchen schießen sich gegenseitig die schönsten geposten Bilder mit Kischblüten. Und ich fahre hindurch und freue mich, hier sein zu dürfen.

Kirschblüten am Fluss.
Kirschblüten.
Kirschblüten, von nah.
Tunnel aus Kirschblüten.

Irgendwann erreiche ich den Campingplatz, es regnet immer noch nicht und wird stattdessen immer klarer. Die Sonne scheint, das Zelt trocknet schnell. Später radle ich in ein schickes Hotel mit angeschlossenen heißen Quellen und einem Restaurant. Ich frage wieder nett nach auf Japanisch, ob ich auch mit Tattoos eintreten dürfte. Der Herr am Empfang bittet mich zu warten und geht wahrscheinlich jemanden fragen. Schließlich kommt er wieder und bejaht meine Frage – ich darf schon wieder eintreten! Aber erst muss ich am Automaten das richtige Ticket auswählen und bezahlen, was ich dann wieder beim Empfangsherren abgeben muss, um eintreten zu dürfen. Den korrekten Ablauf kenne ich jetzt schon. Schuhe am richtigen Ort ausziehen, in der Umkleide nackt ausziehen, nach der Abspüldusche suchen, denn vor dem Badegang muss man sich abduschen, jedoch noch ohne Seife oder Shampoo. Dann in die heißen Quellen und zum Schluss seift man sich richtig ein mit Shampoo und allem. Das geschieht da, wo ein sehr niedriger Schemel steht samt Duschschlauch und Plastikschüssel. Es gibt einen Außenbereich mit Kischblüten. Wunderschön. Im Restaurant gibt es weder ein englisches Menü, noch eine andere Sonderbehandlung. Ich bin fernab von Touristenhotspots und komme gut zurecht. Das Essen schmeckt fantastisch, es ist ein Menü mit gebratenem Fleisch. Der Chefkoch verabschiedet sich und sagt mir, dass ich sehr groß bin. Ein Junge kommt zum Abschied und sagt „Bye-bye!“ Draußen ist es mittlerweile Nacht, aber die Kirschblüten werden beleuchtet. Ich frage einen Mann draußen, ob das laute Insektenzirpen von einer Zikade kommt. Er sagt nein, aber was es ist, weiß er auch nicht. Ich rolle durch die lauwarme Nacht auf meinem Rad zum bereits aufgebauten Zelt und fühle mich genau zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Einfach, um diesen Moment zu erleben in dem alles so sein darf, wie es ist.

Beleuchtete Kirschblüten.

8 Comments

  1. Johannes

    Immer wieder erstaunlich, wie sauber alles in Japan ist.
    In Deutschland müssen ja schon überall Müleimer stehen, damit „normale“ Leute dazu angehalten sind ihre Müll da abzuliefern.
    Dazu frage ich mich: „Wer pflegt 70 Jahre lang eine Giftgasproduktionsanlage?“
    Bei uns würde solch eine Industrieruine doch etwas „verwachsener“ aussehen…^^

    • Luisa

      Vielleicht sind die Hasen bei der Landschaftspflege behilflich. ^^ Es sind übrigens überall Wasserschalen für die Hasen aufgestellt und ein alter Mann ging mit einem Wasserwagen auf der Insel rum, um sie zu befüllen. ^^

  2. たまえ

    ルイーザさん!2000円札の謎はもう解けましたか?
    2000円札は、西暦2000年の節目と、その年に沖縄で開催されたG7サミットを記念して、2000年から2004年までのたった4年間だけ発行された紙幣です!もちろん、そんなに短い期間だけ製造されたお金は他になく、今ではほとんど見かけません。(たまに沖縄のATMでお金を下ろすと2000円札が出てくるというウワサもあります!)

    私もたまに巡り会うと(数年に一度くらい)、感動します

    そして、どれだけ珍しくても、価値は「2000円」です

    • Luisa

      玉枝さーん!
      コメントをしてくれて本当にありがとうございます!❤️
      ああ~とても面白いですよ!まだ、2000円札を二枚持っていますから、どうしたらいい?
      お勧めがありますか?
      今、玉枝さんに2000円札を上げたいです。
      良い一日を!

  3. 玉枝

    How kind of you!
    そのときは、私が2100円を支払いましょう!笑

    2000円札の片面に描かれているのは、沖縄の首里城というお城の門ですが、とても悲しいことに、首里城は2019年にそのほとんどが火事で焼失してしまいました。
    ※その燃えてしまったお城も、本物ではなく復元されたものですが。(本物はもちろん第二次世界大戦で全て燃えてしまいました)

    沖縄は、かつて、琉球王国という別の王国があり、まったく異なる言語、文化を持っていました。
    約140年前、日本の一部となり、その後、第二次世界大戦では、日本国内では最大の激戦地となりました。大きな苦しみの中で復元された首里城は沖縄の人たちにとって大事なシンボルでしたので、この火災は本当に胸が痛む出来事でした。

    ああ!2000円札について紹介していたら、いつのまにか戦争の話に!ごめんなさい!歳のせいでしょうか。笑 
    沖縄は、青い海と、たくさんの島々、独自の文化がある場所です!ぜひ今度、訪れてみてくださいね

    Have a good weekend and stay safe ✨

    • Luisa

      へー!
      滅茶面白いですよね〜!!
      教えてくれてありがとうございます!<3
      私もよく戦争について話しています。温泉の両会の時、戦争を相談してね。:D
      やっぱり、日本人とドイツ人は戦争の友達ですね…^^

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