Japan Tag 5 – Von Imabari nach Niihama

Japan Tag 5 – Von Imabari nach Niihama

Gestern abend war ich so müde, dass mir beim Beitrag Tippen ein paar Mal die Augen zugefallen sind. Trotzdem konnte ich nur sechs Stunden schlafen, immer noch nicht genug, um richtig auszuruhen. Aber schon besser als vier Stunden.

Ich stehe auf und freue mich über die schöne Umgebung, in der ich mein Zelt aufbauen konnte. Auf einem kostenlosen Zeltplatz, der aber dennoch von der Stadt sehr gut gepflegt wird, samt zwei Toilettenhäuschen und mehreren Wasser- und Grillstationen.

Zelt und Rad, direkt am Meer.
Morgenstimmung.

Ab heute folge ich keiner vorgefertigten Route mehr. Ich bin ganz frei in meiner Entscheidung, was als nächstes zu tun ist. Der Wetterbericht verspricht nichts Gutes. Gerade ist es so schön, aber gegen Mittag soll es anfangen zu regnen, die ganze Nacht über bis zum nächsten Morgen. Ich weiss, dass ich nicht besonders gut ausgeruht bin, wegen meinem Schlafmangel und beschließe, es langsam angehen zu lassen. In ca. 40 Kilometern Entfernung finde ich ein gutes Angebot für ein Hotelzimmer mit passablen Bewertungen. Nass Radfahren ist kein Problem, aber auf Zelt aufbauen und Zelten im strömenden Regen habe ich wirklich keinen Nerv. Außerdem wird meine Powerbank langsam müde und möchte aufgeladen werden. Also buche ich das Hotelzimmer.

Meer, golden.
Gepflegte Palmen auf dem kostenlosen Zeltplatz.
Kirschblüten.

Bis zum Check-in ist es noch lange hin, also mach ich ganz langsam und sitze am Meer. Ich habe ganz schön Hunger und bereite gleich zwei Packungen Ramennudeln zu, die ich mir zum Ende doch eher reinwürgen muss. Dafür weiß ich jetzt sicher, dass mein Campingkocher gut funktioniert.

Ich sitze dort tatsächlich ein paar Stunden und kann einfach nur sein. Als ich schließlich meine Sachen zusammenpacke, lasse ich einen ganzen Haufen emotionalen Ballast am Meer zurück. Es geht weiter mit leichterem Gepäck.

Frühstück am Meer.
Mein Ausblick.

Meine NavigationsApp führt mich, wie gewünscht, durch Seitengassen und Nachbarschaften statt auf dem schnellsten Weg zum Ziel. Immer wieder halte ich kurz an, zum Staunen, Wasser trinken, Fotos schießen.

Kanal.
Bambuswald.
Haus in der japanischen Provinz.
Schön gestutzte Bäume.

Ich grüße alle Japaner mit einem Kopfnicken und einem こんにちは! (konnichiwa – guten Tag). Meist wird der Gruß erwidert, manchmal wird nur genickt, selten gibt es gar keine Reaktion. Irgendwann fängt der vorhergesagte Regen an und ich mache an einem Kanal Halt, um mich wasserdicht zu verpacken. Da sehe ich im Wasser einen ca. 50 cm langen Koi-Karpfen rumdümpeln. Willkommen in Japan.

Karpfen im Regen.

Irgendwann komme ich an einem Imbiss vorbei und merke, dass ich wieder sehr hungrig bin. Leider hat der Imbiss heute Ruhetag. Also schaue ich im Internet nach, ob auf meinem Weg ein weiteres Restaurant ist. Tatsächlich, in ca. 500 Metern ist ein kleines Café in einer Nebenstraße versteckt.

Café, ab vom Schuss.

Ich betrete das Café und frage, ob es okay ist, in meinem durchnässten Zustand einzutreten. Anscheinend alles okay. Die Kellnerin kommt und fragt, ob ich auch etwas zu essen möchte (sehr gerne!) und ob ich gerne Kaffee, Tee, Orangen- oder Grapefruitsaft haben möchte (Grapefruit, bitte!).

Dann bringt sie mir ein Glas Wasser und lange Zeit nichts. Eigentlich hätte ich eine Speisekarte erwartet. Oder wenigstens den Grapefruitsaft. Aber nichts passiert. Ich höre aber in der Küche etwas brutzeln, das wird hoffentlich für mich sein.

Das Warten lohnt sich. Anscheinend habe ich unwissentlich das Tagesmenü bestellt, genau mein Ding! Ich probiere mich immer abwechselnd im Uhrzeigersinn durch alle kleinen Gerichte und bin ganz verzückt. Vor allem die frittierten 餃子 (Gyōza – gefüllte Teigtaschen) sind wirklich wunderbar!

Mittagstisch, aus Versehen bestellt.

Genau in dem Moment, als ich das letzte Reiskorn verspeise, kommt die Kellnerin zum Abräumen. Kurz darauf bringt sie auch meinen Grapefruitsaft, zusammen mit einem 桜餅 (Sakura Mochi – Klebreisbällchen mit Kirschblütengeschmack). Gefüllt ist das Teilchen mit einer süßen Bohnenpaste. Alles schmeckt wirklich wunderbar und ich bin froh, dieses kleine Café gefunden zu haben.

Grapefruitsaft, Sakuramochi und die Rechnung zum Nachtisch.

Beim Abschied kommt eine ältere Dame (die Köchin?) aus der Küche und stellt noch ein paar Fragen. Ich sollte wirklich lernen, wie man den Gesprächspartner aufgefordert, mal zu raten. Denn ich frage mich, was für eine Nationalität ich in japanischen Augen haben könnte.

Die Weiterfahrt spart nicht an Regen. Und auch die Kirschbäume lassen langsam ihre Blütenblätter los. Ich mache Halt an mehreren Bäumen und schaue den Blüten dabei zu, langsam zu Boden zu gleiten.

Kirschbäume am Kanal.
Kirschbäume an einer Seitenstraße.

Schließlich komme ich am Hotel an, stelle mein Rad vor dem Eingang ab und gehe zum Check-in. Alles läuft gut und dann stelle ich die Frage, wo ich mein Fahrrad parken könnte. Die Dame geht zusammen mit mir raus und wir begutachten mein Fahrrad. Sie sagt, es sei okay. Ich frage, ob es okay ist, das Rad mit aufs Zimmer zu nehmen? An ihrer Reaktion merke ich, dass sie wohl meinte, es kann direkt neben dem Haupteingang stehen bleiben. Ich schiebe nach, dass ich einen großen Müllsack dabei habe, dass ich das Fahrrad wohl darauf stellen könnte.

Sie bittet mich kurz zu warten und tippt eifrig in ihr Handy. Fragt sie ihren Vorgesetzten per SMS um Erlaubnis? Sie zeigt mir den Text, den sie eben getippt hat. Auf Japanisch. Ohne englische Übersetzung. Ich verstehe ihn nicht ganz, aber betrachte ihn eifrig und deute ihn als „Versau mir nicht das ganze Zimmer mit deinem dreckigen Fahrrad. Keine Wheelies, keine Radrennen im Flur, niemand darf sich über dich beschweren!“.

Nach aufmerksamen Lesen des Textes stimme ich zu und nehme tatsächlich das Fahrrad mit ins Hotel. Leider passt es nicht in den Fahrstuhl und ich habe mein Zimmer im achten Stock. Die Fahrstuhltüren versuchen immer wieder, sich zu schließen aber ein ganzes Fahrrad ist im Weg. Bestimmt gebe ich ein gutes Schauspiel ab, davon hätte gern ein Video. Schließlich reiße ich den Lenker hoch und stehe mit einem schwer bepackten Fahrrad hochkant im Fahrstuhl. Zum Glück versucht niemand sonst einzusteigen und ich kann relativ unbemerkt das Fahrrad rückwärts aus dem Fahrstuhl in die Horizontale bringen und in meinen engen Zimmerflur quetschen. Eine Satteltasche muss ich direkt entfernen, sonst passe ich nicht durch.

Angekommen, das Fahrrad und ich.

Erstmal brauche ich eine Dusche. Eine lange Dusche. War ich wirklich gestern Abend erst in den heißen Quellen? Ich sammle meine ganze Dreckwäsche zusammen und wasche zum ersten Mal in Japan Wäsche. Die japanischen Badezimmer haben alle ein gutes Lüftungssystem, also hänge ich meine Wäsche ins ganze Badezimmer und lasse den Trocknungsknopf laufen.

Waschtag.

Man, ich bin ganz schön fertig. Vom Jetlag, vom Schlafmangel, von den ganzen Eindrücken, vom stundenlangen Radfahren. Eigentlich wollte ich heute Abend in ein 居酒屋 (Izakaya – japanische Kneipe), aber als ich vor dem Eingang stehe, will ich doch nicht rein. Ich brauche heute Abend lieber etwas Ruhiges, ohne soziale Komponente. Also gehe ich einen Block weiter und kehre ein. Ich bestelle mir scharfe Ramen und sechs Gyōza. Weil mir die Gyōza vom Mittagstisch heute noch nicht aus dem Kopf gegangen sind.

Abendmenü.
Mein Abendessen.

Die Ramen sind lecker, viel leckerer als die beiden Tüten Ramen von meinem Frühstück am Meer. Die Gyōza sind auch gut, aber sie reichen lange nicht an den Mittagstisch heran.

Jetzt fallen mir die Augen schon wieder beim Tippen zu. Ich hoffe auf einen guten Schlaf heute und morgen früh gucke ich mal, wie es mir geht. Wenn ich mich immer noch so überfahren fühle, dann verlängere ich meinen Aufenthalt hier wahrscheinlich für eine weitere Nacht und ruhe mich mal so richtig aus für einen Tag. Immerhin habe ich Urlaub. 🙂

10 Comments

  1. Simone

    What an awesome journey.
    Now I am hungry for okonomiyaki and gyoza!

    • Mensch, auf WordPress hab ich deinen Hinweis zu dieser neuen Seite gelesen und eben alle Blogposts inhaliert. Toll!!! Da kommt Fernweh auf und ich bin total gespannt wie es weiter geht und freue mich riesig wieder von dir lesen. Hoff du kannst dich im Hotel etwas erholen und wirst den nervigen Jetlag los! So ging es mir die ersten Tage in Asien auch immer Ganz liebe Grüße,
      Manja

      • Luisa

        Hallo Manja,
        Wie schön, dass du mich hier gefunden hast! 🙂 Geht es dir gut?
        Ich schicke dir viele liebe Grüße aus Japan, zusammen mit einer Prise Abenteuerlust. 😉
        Luisa

    • Luisa

      Thanks Simone. 🙂
      I woke up hungry as well – we’ll see what the hotel breakfast is like!
      Have a great week!

  2. Claudia Ludwig

    Moin Luisa,

    Es macht mir so viel Spaß, deine Eindrücke und Erlebnisse zu lesen. Ich freue mich, von deiner weiteren Reise zu lesen!

    Claudia aus Lehre

    • Luisa

      Moin Claudia,
      Vielen Dank für deinen lieben Kommentar! Ich freue mich gleich mit, dass ich dich mit auf meine Reise nehmen kann. 🙂
      Alles Liebe aus Japan nach Lehre,
      Luisa

  3. Bernhard Schroeter

    Hallo Lulu,
    tolle Eindrücke und tolle Story, mach weiter so. Viel Spaß und schöne Eindrücke auf Deinen, hoffentlich angenehmen, weiteren Kilometern. Viele Grüße von Papa

    • Luisa

      Hallo Papa,
      Danke für deinen lieben Kommentar! 🙂 Schaun wir mal, was mir heute so begegnet, ich bin ja selbst gespannt! 😀
      Viele Grüße von Lulu

  4. Tam

    Lulu… I want to crawl through this phone and hug you! Thanks for sharing your adventures with your eyes wide open and sometimes almost closed. : )

    • Luisa

      Hold your horses, Tam!
      I don’t want to to get stuck in those internet tubes!!
      But there’ll be lots of hugs once I’m back neighboring you. 🙂 <3
      Take good care - I hope you'll be coming out of the mud season pretty quickly!

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