Japan Tag 6 – Niihama und Minetopia

Japan Tag 6 – Niihama und Minetopia

Heute Nacht habe ich es wieder nur auf sechs Stunden Schlaf geschafft. Es regnet immer noch und es soll auch erst am späten Nachmittag damit aufhören. Mein Körper ist müde, meine Hände ein bisschen geschwollen. Die Entscheidung ist einfach: Ich werde meinen Aufenthalt um eine Nacht verlängern. Die Zeit bis zum Frühstück um 6:30 h verbringe ich damit, ein bisschen zu recherchieren. Wo könnte ich heute zu Mittag essen? Gibt es Sehenswürdigkeiten in der Gegend, die ich nicht verpassen sollte? Oder sollte ich einfach nur im Bettchen liegen? Unentschlossen gehe ich zum Frühstück.

Das Frühstück ist sehr unerwartet. Es gibt verschiedene Sorten Teigwaren, sowie Säfte, Getränke und Suppen aus Automaten. Die erste Runde probiere ich einfach alle kleinen Gebäckstücke zusammen mit einem Orangensaft.

Ein Croissant und Blätterteigteilchen gefüllt mit Würstchen, Spinat und Mandelpaste.

Die klaren Gewinner sind das Spinatteilchen und das Teilchen mit süßer Mandelpaste, fast ein bisschen wie Marzipan. Gang zwei und drei besteht aus den beiden Optionen. Außerdem ziehe ich einen „königlichen Milchtee“ aus einem Automaten, weil ich mich frage, was an einem Milchtee königlich sein könnte. Schnell finde ich heraus, dass in einer kleinen Tasse Milchtee die königlichen Zuckervorräte aufgelöst worden sind, huii! Viel zu süß für mich.

Zurück im Zimmer ziehe ich wieder mein japanisches Nachthemd an, das in Hotels bereitgestellt wird, und schlüpfe ins Bett. Mir gelingt es, ein bisschen zu schlafen. Hoffentlich wirkt sich das nicht negativ auf meinen Nachtschlaf aus.

Doch dann stehe ich auf, denn mich trennt nur eine 30 minütige Busfahrt von einer Attraktion, die ganz nach meinem Geschmack ist: Minetopia! Eine verlassene Kupfermine, die in eine Art Themenpark umgebaut wurde. Doch zunächst muss ich mich wieder mit dem öffentlichen Nahverkehr auseinandersetzen.

Busfahrplan auf Japanisch.

Der Bus kommt pünktlich auf die Minute an und nur die hintere Tür öffnet sich. Im Gegensatz zum letzten Mal konnte ich vorab keine Karte am Automaten kaufen, also versuche ich zum Fahrer zu gehen, aber der deutet mir „Nein, Nein, Ticket!“ und zeigt zurück zu der noch offenen Tür. Da steckt ein kleiner Schnipsel aus einer Box. Ich ziehe dran und halte einen Zettel mit der Nummer 22 in der Hand. Ich setze mich und frage eine ältere Dame, ob ich bei der Ankunft bezahlen kann. Sie bejaht und erklärt, dass ich mit der Nummer auf dem Zettel meinen Fahrpreis ermitteln kann. Vorne beim Fahrer ist eine Tabelle und mit jeder vergangenen Haltestelle wird der Preis höher. Sehr interessant!

Minetopia erreiche ich bei 440 Yen Fahrtpreis. Das werde ich mir für die Rückfahrt merken und bei 440 Yen versuchen, auszusteigen.

Eingang von Minetopia.

Der erste Weg führt mich ins Restaurant und eine handgeschriebene Tafel wirbt mit etwas, das mit Soba (Buchweizennudeln), Kirschblüten und dem Meer zu tun hat. Ich setze mich und gucke gar nicht erst ins Menü, sondern frage, ob es ein Tagesmenü gibt. ランチ (Ranchi – Mittag), entgegnet die Bedienung und ich bestelle es.

Als es geliefert wird, verstehe ich auch die beschriebene Tafel. Die Sobanudeln wurden mit winzigen, frischen Krabben angerichtet, sodass es aussieht wie gefallene Kirschblütenblätter. Aus dem Meer.

Das Krabben-Kirschblüten Mittagsmenü

Am Nachbartisch unterhalten sich zwei ältere Männer angeregt. Irgendwann steht einer auf und entfernt sich. Der andere steht auf und schenkt sich Wasser aus der nahestehenden Karaffe ein. Er beäugt mich, denn mein Wasser ist auch fast leer. Er bietet an, mir einzuschenken und ich nehme dankend an. Bei der Gelegenheit frage ich ihn gleich, wie ich die Nudeln korrekt esse, denn ich habe eine kleine Essschale und einen Eisentopf, in dem die Nudeln sind. Er erklärt mir, dass ich eine Portion mit dem Löffel in die Schale überführe und dann aus der Schale essen. Zum Schluss könne ich den Rest auch reinkippen. Ich bedanke mich recht herzlich. Dann werde ich gefragt, woher ich komme. Meine Chance, meine Gegenfrage anzubringen, die ich mir gestern Abend eingeprägt habe.

推測して下さい。(Suisoku shite kudasai – Raten sie bitte!)

Erst wollen sie nicht, aber dann gucken sie mich nochmal genauer an und überlegen. Einer tippt auf Italian, der andere auf Holland. Fast richtig! Zum Schluss wird mein Japanisch noch gelobt und die beiden ziehen weiter.

Ausblick vom Mittagessen – der Regen hörte gerade auf.

Ich habe mir für 1300 Yen eine Fahrkarte für die kleine Lok am Automaten gezogen. Die Fahrt dauert keine fünf Minuten, aber dafür kann man anschließend im kleinen Tunnel mehr über die Bergwerksgeschichte vor Ort lernen. Es gibt ungefähr 10 englische Worte auf den Tafeln im Bergwerk und niemand der Angestellten spricht Englisch. Finde ich gut, dafür hab ich schließlich Japanisch gelernt. Neues Wort, das ich vom Lokführer gelernt habe: 進行 (Shinkō) die Vorwärtsbewegung eines Fahrzeugs. Zusammen mit der Richtung 方向 (Hōkō) ergibt das ganze die Fahrtrichtung 進行方向 (Shinkōhōkō).

Bahnhofsstation.
Ich im Zug.
Kleine Lok.

Ich lerne, wie Wasser mit Handpumpen aus der Tiefe der Miene gepumpt wurde. Dass auch Frauen hier gearbeitet haben, als Erzträger und Steineklopfer. Dass das Bergwerk von 1691 bis 1973 in Betrieb war. Und dass es eine Teufe von über 2000 Metern hat, bis zu 1000 Meter unterhalb des Meeresspiegels! Wirklich beeindruckend. Das „echte“ Bergwerk mit einer beeindruckenden Architektur ist leider 30 Minuten Autofahrt eine winzige Bergstraße hinauf entfernt und heute fährt kein Bus mehr hoch. Schade. Aber vielleicht bin ich ja nochmal in der Gegend irgendwann, dann komme ich wieder und schaue mir das gerne an.

Auf dem Weg zum Besucherstollen.
Stolleneingang.
Stollen.
Japaner mit Kupfererz.
Begeisterte japanische Minenarbeiter.
Erzabbau.
Japanische Wasserkunst.
Erzträgerinnen.
Foto aus vergangenen Zeiten.
Zerkleinern von Erzen.
Verhüttung von Kupfer.
Mehr Informationen zum Verhüttungsprozess.
Wiegen und Vermarktung des Produktes.
Badekultur der Arbeiter.

Ich komme mit zwei älteren Damen ins Gespräch, die auch ein bisschen Englisch sprechen. Die beiden tippen darauf, dass ich aus Schweden oder Finnland komme.

Es gibt einen Mitmachbereich – ich drücke auf einen Knopf und ein Bohrhammer fängt an zu wackeln, bis der Fels vor dem Hammer sich bewegt und auseinanderfällt. Wirklich niedlich gemacht. Außerdem bediene ich Wasserkunst-Handpumpen und treibe so ein Wasserrad an.

Mitmach-Bohrhammer.

Als ich fertig bin mit Bummeln, fahre ich mit der Bimmelbahn zurück und stelle fest, dass ich ziemlich lange auf den nächsten Bus warten muss. Also setze ich mich in das Café, esse ein Eis und trinke einen Milchkaffee.

Kaffee und Softeis mit Grünteepulver und Klebreisbällchen.

Beim Studieren meiner Karte sehe ich, dass ich noch ein Kraftwerk besichtigen könnte, was auf der anderen Seite des Flusses liegt. Nichts lieber als das! Das Kraftwerk wurde erst letztes Jahr der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Es erinnert mich alles sehr an den Maschinenraum des Kraftwerks der ehemaligen Reichswerke Herrmann Göring, wo ich ein Studentenpraktikum absolviert habe. Schon bei der Giftgasfabrik vor zwei Tagen habe ich mir gedacht, dass die Architektur hier der deutschen aus der gleichen Zeit doch sehr ähnelt. Nur die Proportionen der Fenster stimmen nicht ganz, sie sind meinem Gefühl nach zu breit.

Ausblick auf Minetopia.
Turbinenhaus.
Bohrproben.
Ehemaliger Wasserlauf zum Turbinenhaus.

Ich frage mich, wie sich die Bergwerkskunst in Deutschland und Japan zu Beginn der Neuzeit so ähneln kann. Bergarbeiteraustausch gab es damals wahrscheinlich noch nicht. Kamen alle Kulturen gleichzeitig auf ähnliche Ideen? Und seit wann sind die Schienbeinsocken und Glatzen der Edo Periode nicht mehr in Mode?

Auf meinem Rückweg mit dem Bus ziehe ich ein Ticket mit der Nummer 0. Ich behalte die Anzeigetafel Auge, mein Fahrpreis steigt von Haltestelle zu Haltestelle. Wenn sie 440 Yen anzeigt, drücke ich auf den Knopf, bezahle beim Fahrer und steige aus.

Meine Fahrkarte Nummer 0 und im Hintergrund die Fahrpreisanzeige.

Leider geht die Rechnung nicht ganz auf. Denn ich steige bei 440 Yen aus und merke, dass ich noch eine Haltestelle hätte weiterfahren müssen. Macht nichts, so habe ich wenigstens Walter gefunden.

Wo ist Walter? Auf Englisch heißt er übrigens Waldo und auf Japanisch ウォーリー, Wally.

Zum Abend kehre ich in ein Yakitori Restaurant ein und esse rohes Pferdefleisch und gegrillte zarte, sowie auch knorpelige Spieße und habe eine lustige Zeit, denn die ganze Theke redet miteinander.

Rohes Pferdefleisch samt Pferdefett.

Als der Koch fragt, woher ich komme und ich ihn raten lasse, tippt er auf Okinawa, haha.

Durch die Unterhaltungen geht das Bilderschießen anscheinend unter. Aber lange bleibe ich auch nicht, denn ich habe noch eine lange Zeit in meinem Hotelzimmer vor mir, um diesen Beitrag runterzuschreiben, bevor meine Erinnerungen durch neue Erlebnisse morgen überdeckt werden.

10 Comments

  1. Wow! Das ist so spannend. Danke für die tollen Bilder von Kirschblüten, Bambuswälder, Bergwerken und natürlich dem fantastischen Essen. Jetzt hätte ich beinahe meinen Pilateskurs verpasst, weil ich noch alles lesen wollte. Dann bis morgen, freu mich schon!

    • Luisa

      Danke für deinen begeisterten Kommentar! 😀 Da macht das Berichten gleich nochmal soviel Spaß.
      Viele Grüße und immer das Powerhouse anspannen, genau wie im Kraftwerk. 😉

  2. Bernhard Schroeter

    Hi Lulu, so schnell unter die Bergleute gegangen? Na dann Glück Auf!! Die Generatoren im Kraftwerk sehen aus als kämen sie von AEG – wie im HGW Kraftwerk. Mach weiter so. Tschüß von Papa

    • Luisa

      Haha, ich freue mich, dass ich dich mit diesem Beitrag ködern könnte! 😉
      Ich hab’s eben mal ergoogelt: Die Technologie stammt tatsächlich aus Deutschland! Die Generatoren von Siemens und Die Wasserturbinen von Voith!
      https://www.city.niihama.lg.jp/soshiki/dozan/hadeba2023.html
      112 Jahre nach Inbetriebnahme kommt ne Deutsche vorbei zu Besuch, das ist doch nett. 🙂
      Viele Grüße,
      Lulu

  3. Moin Luisa,
    wirklich spannend und so viele schöne Bilder! Danke für das Teilen Deiner Reiseeindrücke.
    Liebe Grüße aus S-H
    Jens

    • Luisa

      Moin Jens,
      Lieben Dank für deine vielen Ermunterungen. So macht das Weiterschreiben Spaß! 🙂
      Viele Grüße aus Japan,
      Luisa

  4. Berenike

    Luisa, Ich denke doll an dich und begleite deine Tour in Gedanken!
    Eine herzliche Umarmung und viele Grüße auch von Loris, der gerade fröhlich quietscht.
    ❤️

    • Luisa

      Liebe Berenike,
      Danke für deinen lieben Kommentar!
      Ich bin froh, dass du mit auf meiner Reise bist. So brauche ich mich nie allein fühlen. ❤️
      Liebe Grüße, auch an den quietschvergnügten Loris.
      Luisa

  5. Johannes

    Ich freu mich das Metrische System auch in Japan zu sehen. 🙂
    Du solltest auch jeden Fall mal die Japanische Frühstücks-Kultur austesten:
    Natto Bohnen!
    Ich denke hier lassen sich auch gute Bilder machen xD
    In Hotels gibt es das häufig in kleinen verpackten Einheiten nebenbei.
    Viele Grüße

    • Luisa

      Natto hab ich auch in Kanada gern gegessen und sogar einmal selbst hergestellt/fermentiert. ^^ Hier hatte ich die Option noch nicht, aber wenn sie auch bietet, greife ich gern zu. 🙂
      Viele Grüße zurück und danke für deinen Kommentar! ^^

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