Japan Tag 9 – Von Mima nach Tokushima

Japan Tag 9 – Von Mima nach Tokushima

Ich wache noch vor dem Sonnenaufgang auf, aber lasse es langsam angehen und dümpel ein bisschen vor mich hin im Zelt und plane den heutigen Tag.

Irgendwann ist es hell genug und ich mache mich ans Packen. Bislang habe ich es nur einmal geschafft, mein Zelt trocken einzupacken. Auch heute ist alles feucht vom Tau. Mein Ziel ist heute ein Hotel in der Stadt, daher würde ich gerne ein trockenes Zelt einpacken. Aber Warten möchte ich auch nicht ewig. Also einpacken und los.

Tulpen, Zwiebeln und Brücke.

Meine NavigationsApp führt mich wieder durch schöne Felder und auf Deichen entlang. Die Kirschblütenzeit der „normalen“ Kirschbäume ist zwar vorbei, aber es scheint andere Sorten zu geben, die ein wenig später blühen. Sie sind gefüllter, haben scheinbar mehr Blütenblätter.

Verblühter Kirschbaum.
Gelbliche Blüten.
Gefüllte Blüten.
Blühende Bäume am Wegesrand.

Obwohl ich die beiden abgepackten Milchbrötchen zum Frühstück gegessen habe, die mir der Hotelier gestern gereicht hat, bin ich schnell wieder hungrig. Ich halte bei einem Konbini an, hole mir einen Milchkaffee und ein bisschen was zu Essen. Außerdem Waschmittel. Neben mir setzen sich drei ältere Herren hin. Sie scheinen sich wie üblich zum Frühstück zu treffen und die Nachrichten in der Zeitung zu diskutieren. Als ich aufstehe, entschuldige ich mich höflich dafür, dass ich gehe. Wir kommen ins Gespräch. Die Herren tippen darauf, dass ich aus Frankreich komme. Nur knapp daneben.

Konbini Ausbeute.

Ich komme an vielen schönen Feldern vorbei. Bislang habe ich keine Agrarwüsten gesehen. Es scheint sehr viel mit kleinen Traktoren und in Handarbeit, in Folientunneln und mit Mulchfolie angebaut zu werden. Das überrascht mich, Japan hat schließlich viele Einwohner zu ernähren.

Landwirtschaftlicher Feldweg.
Eine Gruppe Kakteen?
Landschaft.
Brücke.

An einem Feld werden wunderschöne Kohlköpfe abgeerntet. Ich halte an, gratuliere zur guten Ernte und dem toll aussehenden Gemüse. Ich werde als Amerikanerin eingeschätzt. Außerdem frage ich, ob ich ein Bild schießen darf. Darf ich. Als ich es schieße, kommt die Frau mit einem Kohl auf mich zu und überreicht ihn mir feierlich. Ich soll ihn ganz dünn schneiden und braten. Der Kohl ist noch schwerer, als er aussieht, aber ich bedanke mich recht herzlich und verstaue ihn irgendwie auf meinem Fahrrad, bevor ich weiterfahre.

Kohlköpfe.

Nach ein paar Kilometern fahre ich wieder durch verschlafene Seitenstraßen und enge Gassen. Da fallen mir drei Japaner auf – zwei arbeiten im Garten und eine japanische Oma sitzt auf einer Kiste und guckt zu. Beim Schielen in den Garten kann ich keinen erntereifen Kohl entdecken. Ich wünsche einen guten Morgen, halte an und wende mich an die Oma.

„Entschuldigen Sie bitte, aber ich habe eine Frage. Mögen Sie Kohl?“

Die Oma antwortet so würdevoll und gleichmütig, als würde sie den ganzen Tag nichts anderes machen als tätowierten Ausländerinnen in Warnwesten mit schwer beladenen Fahrrädern die verrücktesten Fragen zu beantworten.

„Ja, ich mag Kohl gerne.“

„Bitte warten sie einen kleinen Moment.“, sage ich und zaubere den großen Kohlkopf aus meinem Gepäck hervor.

„Heute morgen haben mir Bauern diesen Kohl gegeben. Aber ich kann ihn nicht wirklich benutzen. Wollen Sie den Kohl?“

„Ja, sehr gerne.“

Ich überreiche den Kohlkopf feierlich und die Oma merkt an, dass es ein ganz schön schwerer Kohlkopf ist. Ha, das war doch auch mein Eindruck! Vielleicht sind die Kohlköpfe im freien Verkauf schon so entwässert, dass sie bedeutend leichter sind. Ich darf noch ein Erinnerungsfoto schießen und fahre weiter.

Kohl, geliefert.

Irgendwann halte ich kurz, weil ich mir nicht sicher bin, welche Straße ich wählen sollte. Eine kleine Katze kommt auf mich zu und miaut. Etwas stimmt mit ihr nicht, ihr Fell ist auf einer Seite ganz verkrustet und ihr Auge eitert. Vielleicht hat sie einen Unfall gehabt. Die Haut unter der Kruste scheint schon verheilt zu sein, nur das Auge ist fertig. Armes Kätzchen, es tut mir so leid. Ich gucke, ob ich jemanden finden kann, dem ich Geld für die Tierarztrechnung in die Hand drücken kann. Aber niemand ist da. Ich gebe dem Kätzchen meinen Energieriegel und meine guten Wünsche und Hoffnung mit auf den Weg. Dann fahre ich ziemlich traurig weiter.

Kätzchen.

Gegen Mittag brennt die Sonne und ein bisschen Wind kommt auf. Ich hole mein nasses Zelt hinaus und hänge es erst über ein Geländer. Dann lasse ich es wie einen Drachen im Wind flattern. Nach ein paar Minuten ist es fast ganz trocken und ich kann es beruhigt zurück in den Sack stopfen.

Zelt, am trocknen.

Die Sonne ist wirklich erbarmungslos heute. Ich nehme die Einladung einer Automatenlandschaft an und hole mir einen kalten grünen Tee, den ich langsam im Schatten trinke. Ich muss immer noch an das Kätzchen denken.

Getränkeautomaten.
Ausblick auf Nachbar’s Garten.

Irgendwann komme ich an einer Tempelanlage vorbei und halte an. Es ist wirklich schön hier, aber ich fühle mich noch fehler am Platz als sonst schon. Ich spreche eine Pilgerin im weißen Gewand an und frage, ob sie mir erklären kann, was die korrekte Vorgehensweise ist.

Pilgerin.

Falls ich es richtig verstanden habe, muss man am Eingang anfangen, dann Raucherwerk anzünden, einen Namenszettel in einen Kasten legen (Zettel in Kästen zu legen scheint eine Lieblingsbeschäftigung der Japaner zu sein) und abschließend noch etwas rezitieren. Die Pilgerin bietet an, ein Foto von mir zu machen. Ich frage sie, ob ich auch ein Bild von ihr schießen darf. Darf ich.

Ich, vor dem Tempel.

Ich gehe in den Tempel. Goldene Buddhas sitzen geheimnisvoll hinter Vorhängen und eine alte Dame im traditionellen Gewand verkauft einige Sachen. Es herrscht Fotoverbot. Ich versuche, goldene Namenszettel zu kaufen, aber die sind für Pilgerer, die die 88 Tempel auf der Insel Shikoku mindestens 50 Mal abgeklappert haben! Also kaufe ich weiße Namenszettel, etwas Räucherwerk und ein kleines Buch, das man als Spickzettel benutzen kann beim Rezitieren. Ich frage, wie viele Raucherstäbchen man anzünden soll und es sind drei. Eins für die Gegenwart, eins für die Vergangenheit und eins für die Zukunft. Ich gehe vor dem Tempel, zünde drei Sandelholzstäbchen an und puste sie aus, bevor ich sie in den Sand stecke. Die Dame klatscht im Tempel in die Hände. Ich freue mich, anscheinend hab ich es besonders gut gemacht. Aber nein, man darf die Stäbchen auf keinen Fall auspusten, sagt sie! Immer auswedeln!!! Naja, jetzt ist es zu spät. Ich frage sie, wie ich den Namenszettel ausfülle und sie sagt, dass man das normalerweise abends macht, aber sie reicht mir einen Stift und zeigt auf die Felder Name, Datum und Wohnort. Ich fülle brav aus und lege den Zettel in einen der drei Kästen. Sie fragt mich, ob ich alleine reise und ich bejahe. Sie sagt, dass ich stark sei und ich bedanke mich. Sie reicht mir einen Instant-Kaffee in einem Pappbecher und ich starre die Buddhas an, die aber wenig Gegeninteresse zeigen.

Offizieller Eingang.
Glocke.
Nebengebäude.
Umstrickte Statuen.

Vielleicht ist es gar nicht so hoffnungslos und das Kätzchen hat Menschen, die es füttern und es kann langsam von sich aus heilen.

Ich versuche, ein Bündel Sorgen im Tempel zu lassen. Die wissen bestimmt, wie sie am besten entsorgt werden.

Weg zurück zum Rad.

Auf dem Weg zum Hotel radel ich an einem Taiyaki Imbiss vorbei. Das ist ein gebackener Fisch, gefüllt mit süßer Bohnenpaste. Ich kehre ein und bin der einzige Gast. Meine Wahl trifft auf das Mittagsgericht, frittiertes Hühnchen mit Yuzusaft (das ist sehr Zitrusfrucht). Als Nachtisch bestelle ich mir einen Taiyakifisch aus Reismehl.

Taiyaki Laden.

Der Wirt redet erst gar nicht mit mir, doch irgendwann kommen zwei weitere Gäste und er fängt an aufzutauen und mir Fragen zu stellen. Er kann kaum glauben, dass ich, eine deutsche Radfahrerin einfach so seinen Laden gefunden hat und ist so begeistert, wie ich hier noch niemanden begeistert über meine schiere Anwesenheit gesehen habe. Er spricht von Schicksal und davon, dass wir in einem früheren Leben vielleicht Freunde waren und uns jetzt wiedergefunden haben. Gast Nummer drei, eine scheinbar oft wiederkehrende Patronin, schlägt vor, Bilder zu machen, doch dem Wirt ist das unangenehm. Ich sage, dass er gern Bilder machen kann, kein Problem und er macht Bilder und Videos von der Gästegruppe zusammen mit ihm selbst. Dann mache ich auch noch ein Bild, zahle und gehe wieder Fahrradfahren. Der Wirt gibt mir seine Visitenkarte und fragt mich, ob ich ihn auf Instagram adden kann und bitte meinen deutschen Freunden von ihm erzählen kann. Instagram habe ich nicht, aber falls ihr es habt und einen Taiyakikoch und Barkeeper unendlich glücklich machen wollt, hier ist sein Instagram: @mutenkataiyakiya_kiichi

Der Koch ist der zweite von links.

Mein Hotel heute Nacht ist etwas gammelig, aber die Lage und der Preis sind unschlagbar. Ich bin am Ende der Insel Shikoku angekommen und möchte morgen früh die Fähre auf die japanische Hauptinsel Honshu nehmen. Der Fährhafen ist ziemlich nah am Hotel. Nach einer Dusche gehe ich eine halbe Stunde zum Fährbüro und frage, wie ich die Fahrt mit Fahrrad und Gepäck am besten bewerkstellige und ich werde gut beraten.

Auf dem Weg zum Hafen.

Dann wasche ich Wäsche. Leider scheint die Belüftung im Bad hier nicht gut zu funktionieren, die Wäsche will nicht trocken.

Ich gehe zum nahegelegen Einkaufszentrum, den ich brauche ein paar Materialien, um meine Daunendecke nachts nicht zu sehr verrutschen zu lassen. Ich drehe mich nachts wie ein Spanferkel und wache dann auf, weil meine Decke verrutscht ist. Und ich kaufe eine Tube Aloe Vera Creme, denn mein Gesicht folgt langsam meinen Händen in punkto Sonnenbrand.

Im Einkaufszentrum bestelle ich mir eine Portion Takoyaki, was in Fett gebackene Teigteilchen mit Oktopusstücken ist. Es ist lecker und macht satt.

Takoyaki.

Auf dem Weg zurück ins Hotel laufen zwei japanische Schulmädchen vor mir her. Sie gucken mich an und kichern, naschen beide von einem Stäbchen Dango (süße Reisbällchen). Dann nimmt eine ihren Mut zusammen und sagt „It’s delicious!“ (Es ist köstlich!). Ich lobe ihr Englisch und insgeheim den Mut, mich anzusprechen und schaue in den Nachthimmel. Die Mondsichel sieht ganz anders aus in Japan, sie sieht aus wie ein U! Meine Welt steht Kopf – wie kann der Mond so anders aussehen, als ich ihn je gesehen habe?

Japanische Schulmädchen und ein kurioser Tag.

16 Comments

  1. Claudia Ludwig

    😀 Es macht Spaß, deinen Reisebericht zu lesen. Teilweise herrlich ironisch!

    • Luisa

      Haha, ich denke mir auch manchmal ich bin im falschen Film. Oder ich mache einen normalen Film für alle anderen durch meine Anwesenheit zur Comedy.

  2. Das war wieder ein super lesenswerter Blogpost, Luisa! Toll und ich find es echt mega cool, dass du diese Tour alleine abziehst. Finde, beim Alleinreisen bekommt man nochmal ganz andere Seiten zu sehen und tritt viel einfacher in Kontakt mit der einheimischen Bevölkerung!

    Sag mal gibt es in Japan eigentlich irgendwelche krassen, exotischen Tiere? Ist mir grad nur so eingefallen, beim Lesen über die arme süße Miez, was da denn noch so alles rum kreucht und fleucht. Auch Respekt vor deinem Japanisch, da is wohl viel hängen geblieben vom Kurs?! Mein Japanisch ist limitiert auf das zählen bis 10, weil ich mal Karate gemacht habe Itch Niiii San Tchi (kein Plan wie man das schreibt ) Übrigens, hab ich dir schon mal erzählt, dass meine Nichte auch Luisa heißt? Cooler Name Freu mich schon auf deinen nächsten Post. Gute Weiterfahrt!

    • Luisa

      Bei der Mine vor ein paar Tagen ist ne ganze Horde Affen über die Straße gelaufen, hab ich wohl vergessen zu erwähnen. ^^ Die waren aber ganz weit weg, konnte man auf dem Bild nicht erkennen. Ansonsten ist die Flora und Fauna hier der deutschen gefühlt gar nicht so unähnlich.

      Ich hab die letzten 2,5 Jahre beim Japanisch lernen richtig reingehauen mit durchschnittlich ca. einer Stunde lernen pro Tag. Doch normalerweise braucht man selbst dann ungefähr 5 Jahre, oder 2200 Lernstunden, um die Basis ganz sicher zu beherrschen. Es ist also Halbzeit. Wenn man mit mir spricht, als sei ich minderbemittelt, kann ich es meist gut verstehen. Und ich foltere die Sprache oft, aber kann mich schon irgendwie verständlich machen.

      Viele Grüße an deine Nichte Luisa und üb mal wieder ein paar Karate-Kicks!

  3. Ach krass, ich mag Affen seit meinen Asien-Aufenthalten überhaupt nicht, jedenfalls diese Makaken-Arten

    Und hattest du deinen Kurs bei nem nativeJapanese? Find ich echt total super, dass du das mit der Sprache so gut hin bekommst. Meine Karate-Kicks hab ich noch drauf, sogar die Katas könnte ich noch aus’m Effeff, is wohl wie Fahrrad fahren, verlernste nicht

    • Luisa

      Ich mochte Affen noch nie. XD Von weitem sind sie okay, aber die sollen mir nicht zu nahe kommen!

      Genau, mein Kurs ist von der japanischen Gemeinschaft im Yukon einmal die Woche. Aber ich habe täglich selbst gelernt und in den letzten Monaten noch ein paar günstige Unterrichtsstunden bei einer Japanerin auf italki.com gebucht, nur zum Reden. Das hat ganz viel gebracht und ist sehr günstig und flexibel. Die Plattform kann ich jedem ans Herz legen, der eine Sprache lernen möchte. 🙂

  4. Moin Luisa,
    wieder ein toller Bericht mit schönen Bildern! Danke dafür und weiter gute Reise.
    Liebe Grüße aus S-H
    Jens

    • Luisa

      Moin Jens,
      Ganz lieben Dank für deinen stetigen Zuspruch und viele Grüße nach S-H aus Japan! 🙂
      Luisa

  5. Johannes

    Meiner Erfahrung mit Takoyaki war eher eine Schlechte: Ich hatte mir welche in der Nähe vom Fuchstempel gekauft und gedacht, dass es so eine Art Schmalzkuchen wäre…..
    Ich durchaus irritiert, als die Verkäufer noch Majonäse dazu angeboten hatten…
    Als ich, der kein Fisch mag, dann mit mit einer Schmalzkuchen-Erwartungshaltung genüßlich reingebissen habe, sind mir wohl die Gesichtszüge wohl dermaßen entglitten, dass mein Kumpel sich bis heute darüber köstlich amüsiert 😉
    Aber mich freut es, dass es dir scheinbar gut geschmeckt hat 😉

    • Luisa

      Hrhrhr, da hätte es bei dir auch keine Punkte für extragroße Oktopusstücken gegeben. ^^ Dann doch lieber ein paar Poffertjes für dich. Wobei, die könnte ich jetzt auch ab… Ich bin aber auch schon wieder hungrig und konnte so ziemlich alles ab. ^^
      In welchem Fuchstempel wart ihr denn? Da gibt es ja einige von hier.
      Viele Grüße!

    • Sebastian

      Danke für die Erinnerung an diesen köstlichen Augenblick. 🙂 Hättest du mal die Eisgurke am Stiel genommen. Fun Fact: Johannes hat versucht, die übrigen Takoyaki an die Einheimischen zu verschenken. Wenig überraschend: Niemand hat zugeschlagen.

      • Luisa

        XD xD
        Vielleicht könnte er nicht überzeugend rüberbringen, wie schmackhaft die Schmalzkuchen des Grauens sind und die Einheimischen waren ein wenig misstrauisch. ^^

    • Luisa

      Sieht richtig toll aus!
      Hoffentlich ist die Erinnerung an den schönen Tempel nicht komplett von der bösen Takoyaki-Überraschung überschattet worden. ^^

  6. Tam

    OMG! I love the “Cabbage Giver”.
    ❤️❤️❤️❤️❤️❤️❤️❤️❤️❤️❤️
    Tam

    • Luisa

      I have infinite love for both the cabbage giver and cabbage receiver! ❤️❤️❤️❤️❤️

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