Mein Tag beginnt, wie gewohnt, früh und hungrig. Ich packe mein Zeug zusammen und plane den Weg zum nächsten Konbini, um zu frühstücken.


Am Konbini würde ich gern mein Handy laden, aber es scheint keine Verzehrstation mit Steckdosen zu geben. Ich setze mich draußen auf eine Bank zum Essen und sehe, dass viele Außensteckdosen am Gebäude angebracht sind. Ich entferne die Spinnenweben von einer Steckdose und stöpsel mich ein. Als ich zum zweiten Mal einkaufen gehe (der erste hat meinen Hunger noch nicht gestillt), spricht mich ein junger Japaner an. Er fragt mich, ob ich einmal um Japan fahre und ich erzähle von meinem Trip. Er bittet mich, kurz zu warten und kommt mit einem Stempelpass zurück, den er mir schenkt. Damit kann ich in jeder Präfektur Stempel sammeln, die es an besonderen Orten zu finden gibt. Ich freue mich sehr.


Der nächste Stempel befindet sich im Gebäude nebenan, es ist ein 道の駅 (michi no eki – Bahnhof am Straßenrand). Diese Raststätte ist ein Multifunktionsgebäude, es gibt sie in ganz Japan. Teils Touristeninformation, Bauernmarkt, Restaurant, öffentliche Toilette oder auch Stempelstelle. Pünktlich zur Öffnung trete ich ein, aber es herrscht schon reges Treiben. Japaner kaufen frischen Fisch und frisches Gemüse, frühstücken im Restaurant. Allerlei regionale Spezialitäten werden feilgeboten, von kunstvoll geflochtenen Besen über Orangensaft bis Zehensocken ist alles dabei. Leider bin ich schon voll, sonst hätte ich hier sehr gut zuschlagen können. Ich stempel meinen ersten Stempel in meinen neuen Pass und kaufe mir einen kleinen Orangensaft und ein Birnenküchlein für den Weg.



In der wunderschönen, ganz neu gebauten Toilette lasse ich mir nochmal den Maschinenraum durchspülen. Wir sind schließlich zivilisiert unterwegs!
Der Weg ist wirklich schön, nur geht er sehr viel bergauf und bergab. In den steilen Hängen wird die Landwirtschaft oft mit kleinen, einschienigen Zahnradbahnen erleichtert.



Ich halte an einem kleinen Laden an, bei dem mit Softeis geworben wird. Ich frage nach dem Softeis und bekomme von einer alten Dame eine kleine Schale Eis in die Hand gedrückt. Sie erklärt mir, dass das Eis mit Reis gemacht wurde und daher eine besondere Konsistenz hat. Es schmeckt sehr lecker, aber ich hätte auch gerne etwas dafür bezahlt. Dafür kaufe ich mir drei gefüllte Mochis, lecker! Der Laden scheint auf Reis spezialisiert zu sein. Ganz viele verschiedene Reissorten werden angeboten und es scheint, als können sich die Kunden selbst abwiegen, was sie benötigen. Was für ein schöner Einblick in ein japanisches Dorfgeschäft!


Irgendwann bemerke ich, dass mein Vorderreifen summt. Na toll, ein Platten. Ich ziehe einen kleinen Dorn aus meinem Mantel und überlege. Ich habe einen Ersatzreifen. Aber wenn der Dorn der Übeltäter war, ist es bestimmt nur ein kleines Loch, das sich leicht flicken lässt. In der prallen Mittagssonne mag ich das nicht machen. Aber vielleicht ist ein Fahrradladen in der Nähe? Erstmal pumpe ich den Reifen auf und gucke, ob er ein wenig die Luft hält.

Leider ist heute Sonntag und alle Fahrradläden haben geschlossen. Der Reifen hält die Luft ganz gut, ich kann ein paar Kilometer weiterfahren, ohne weitere Schäden befürchten zu müssen. Dann halte ich wieder an und pumpe.
Schließlich sehe ich, dass ein Gemeindezentrum auf meinem Weg liegt, das auch mit einer Fahrradstation wirbt. Ich fahre vorbei und frage mich durch. Es gibt einen Koffer voller Werkzeuge, den ich gerne nutzen darf. Oder man könne mir den Weg weisen zu einem Laden, der mir weiterhelfen könnte gegen eine kleine Gebühr. Ich entscheide mich für den Laden, so kann ich meinen Ersatzschlauch für Notfälle aufheben.
Der Laden stellt sich als Honda Motorradladen heraus. Deguchi, der Mechaniker und Noriko, die Kauffrau begrüßen mich herzlich. Während Deguchi sich ans Flicken des Schlauchs macht, versorgt mich Noriko mit Biopopcorn und Hojicha, gerösteter, grüner Tee. Den Hojicha, den ich bislang in Kanada probiert habe, mochte ich nicht so gerne aber hier schmeckt er wunderbar. Wir reden über meine Reise und ich frage Noriko, wo ich heute zelten könnte. Sie schlägt vor, in Shirasaki zu zelten. Ich stimme zu, denn mein Stahlwerksfreund Masahiro hatte mir Shirasaki schon empfohlen! Noriko ist so nett und ruft am Zeltplatz an und klärt, ob noch ein Platz für mich frei ist. Der Zeltplatz ist etwas abgelegen und eine Touristenattraktion. Ja, es ist noch Platz und ich darf kommen. Jetzt trennen mich noch 33 km und ein Bergpass von meinem Zeltplatz und ich muss in weniger als drei Stunden dort auflaufen… Oh oh.


Doch zunächst folgt die Verabschiedung von Deguchi und Noriko, die mir beide sehr weitergeholfen haben. Deguchi ist nicht nur ein begabter Mechaniker, sondern er ist ein begnadeter Origamikünstler! Er schenkt mir eine wunderschöne, gefaltete Box mit einem Mikrofasertuch als Inhalt. Und er zeigt mir andere Boxen, die er gefaltet hat. In jeder Box scheinen kleine Extraboxen versteckt zu sein, die noch spezieller gefaltet worden sind. Ich bin ganz fasziniert und warte nur noch darauf, dass ein weißes Kaninchen aus einer Box hervorgezaubert wird. Vor dem Abschied machen wir noch ein Bild für die Facebook-Seite des Ladens. Wer auch immer in Schwierigkeiten gerät oder ein Motorrad in Japan kaufen möchte, geht auf jeden Fall zu N-Works in Arita, Wakayama!
https://nworks1994.com/


Das Mittagessen wird heute auf die Straße verlegt. Wann immer ich an einer Ampel halten muss, esse ich einen Bissen und trinke einen Schluck. Noriko hat bestätigt, dass ich vor 16 Uhr erscheinen werde und ich werde mein Bestes geben, um das Versprechen zu halten!
Oben auf dem Bergpass muss ich wieder einen 600 Meter langen Tunnel passieren. Brrr… Nach dem Tunnel führt das Navi mich eine kleine Seitenstraße entlang, es geht steil bergab. Doch dann ist die Straße zuende. Es scheint, als wurde sie an einer Stelle weggespült und wird gerade repariert. Ich schiebe mein Fahrrad wieder bergauf. Puh. Schließlich lege ich die Ohren an und donnere den Pass wieder herunter – natürlich so sicher, wie es irgendwie geht.

Tatsächlich komme ich ca. 20 Minuten vor der vereinbarten Zeit am Zeltplatz an. Neben Zeltplatz und Sehenswürdigkeit ist hier auch eine 道の駅 Raststätte. Ich melde mich an, bekomme alle Informationen und mache mich daran, mein Zelt aufzubauen.

Nach dem Zeltaufbau kehre ich zurück zur Raststätte, um meinen zweiten Stempel zu sammeln und fürs Abendessen einzukaufen. Leider bin ich ein paar Minuten zu spät für das Restaurant, welches heute keine Bestellungen mehr annimmt. Aber es gibt viele andere Leckereien, die ich gern probieren möchte.


Ich muss niesen und meine Nase läuft. Hoffentlich habe ich mir heute keine Erkältung geholt! Aber es geht mir gut, vielleicht komme ich um eine Erkrankung drum herum, wenn ich ein paar Gänge zurück schalte. Ich finde ein günstiges Hostel, das ich morgen Abend erreichen könnte und buche mich für zwei Nächte in den Frauenschlafsaal ein. Gestern habe ich nicht geduscht und heute werde ich wieder nicht duschen. Es ist zu windig und ich kränkel ein bisschen. Da möchte ich nicht mit nassen Haaren umherlaufen.
Kurz vor Sonnenuntergang gehe ich zum kleinen Ausblick von Shirasaki. Den großen Ausblick hebe ich mir für morgen früh auf. Heute sind noch viele Sonntagsausflügler unterwegs, Montagmorgen habe ich die Schönheit der Natur vielleicht ganz für mich allein. 🙂







Liebe Luisa,
i
ch wünsche dir erstmal beste Gesundheit und dann bedanke ich mich sehr für deine tollen Reisetagebuchberichte! Was du alles sehen und erleben darfst, es fühlt sich sogar von hier aus richtig „live“ und toll an. Und die vielen Menschen und Begebenheiten, da wirst du noch lange davon zehren können. Weiterhin Glück, Freude und viele schöne Erfahrungen und Eindrücke,
Lisa
Liebe Lisa,
Dankeschön für deinen guten Zuspruch! Ich bin eben aufgewacht und fühle mich weniger erkältet als noch gestern Abend – dafür niest jemand ununterbrochen auf dem Parkplatz. Vielleicht hat sich der Schnupfen einen anderen Wirt gesucht, hihi!
Liebe Grüße aus Japan,
Luisa