Japan Tag 12 – Von Shirasaki nach Minabe

Japan Tag 12 – Von Shirasaki nach Minabe

Früh morgens werde ich von ständigem Niesen wach – zum Glück nicht von meinem eigenen. Irgendwer auf dem Zeltplatz scheint ganz schön erkältet zu sein. Meine Nase läuft ein bisschen, aber zum Glück fühle ich mich nicht matt oder schlapp.

Zum Sonnenaufgang um 5:30 h möchte ich gerne zum Aussichtspunkt. Ich packe mein Frühstück und radle los. Irgendwann muss ich mein Rad zurücklassen und zu Fuß weitergehen. Der Aufstieg zur Aussicht ist sehr schweißtreibend, aber die Aussicht selbst ist nicht überragend. Ohne mein Rad fühle ich mich ein bisschen nackt, so beschließe ich, ein paar Fotos zu schießen und zurück auf dem Zeltplatz mein Frühstück einzunehmen.

Die Aussicht nach Osten ist schön.
Aussicht auf Shirasaki vom Berg aus.

Nach dem Frühstück lasse ich es langsam angehen, denn erst um 9 h kann ich mich anmelden und den Platz verlassen. Wenigstens kann so mein Zelt trocken einpacken. Heute ist ein windiger Tag, direkt am Pazifik.

In Japan sagt man „Die Ampel ist blau“ statt grün. Diese Baustellenampel zeigt, warum.
Tschüss, Shirasaki!

Der Wind lässt nicht locker und kommt von vorn. Den ganzen Tag. Und es ist hügelig am Meer. Wenn ich daran denke, wie viele Kilometer und Höhenmeter noch vor mir liegen, dann würde mir die Lust vergehen. So konzentriere ich mich einfach darauf, vorwärts zu kommen im Rhythmus meines Körpers. Ist der Berg zu steil, schiebe ich. Habe ich Hunger oder Durst, sorge ich dafür, dass die Bedürfnisse gestillt werden. Ich bin dankbar für meinen Rennradlenker, hänge mich in den Unterlenker und ducke mich unter dem schlimmsten Wind hinweg.

Die Wellen geben mir Recht: Es ist windig. Trotzdem steht ein Fischer am Meer.

Insgesamt spule ich so heute knapp 70 Kilometer und 650 positive Höhenmeter ab. Mit Gepäck und Gegenwind. Wenn man sich nur auf den nächsten Meter konzentriert, geht das schon.

Auch wenn es mir im Rückblick erscheint, als wenn ich den ganzen Tag tief gebeugt über meinem Rad verbracht habe, so gab es auch einige interessante Stopps, die ich eingelegt habe.

In einer Seitenstraße eines Dorfes habe ich ein Restaurant gefunden, welches sich ganz dem クエ (kue – eine Art Zackenbarsch) gewidmet hat. Auf einer Steinplatte grille ich mir meine Fischfilets selbst. Die Bedienung merkt an, dass der Fisch, der heute fangfrisch serviert wird, ein ganz besonders großes Exemplar von über 20 Kilo Gewicht war.

Restaurant.
Zackenbarsch mit leerem Aquarium.
Leckeres Mittagsmenü zum Selbstgrillen.
Kompliment an die Küche ist, wenn selbst die Dekorationen aufgefuttert wurden.

Außerdem fahre ich an einem kanadischen Museum vorbei und muss einfach anhalten im herauszufinden, was Kanada hier so macht. Ich lerne die Geschichte von Gihei Kuno, der aus Mio stammte und kein einfaches Leben hatte. Eines Tages im Jahre 1888 beschloss er, sich nach Kanada aufzumachen in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Der gelernte Tischler sah in Britisch Kolumbien die Lachse in Massen den Fluss hinaufschwimmen und wechselte den Beruf zum Fischer. Immerhin stammte er aus dem armen Fischerdorf Mio. Er lud Freunde und Bekannte ein, es ihm nachzumachen und nach Kanada zu kommen zum Fischen und Geld nach Hause schicken. Schätzungsweise 3000 Japaner folgten seinem Ruf und siedelten in Kanada an.

Kanadisches Museum in Mio.
Ausstellung im Museum.

Heute ist das Museum Anhaltspunkt für japanisch-stämmige Kanadier, die Ahnenforschung betreiben. Es behandelt aber auch das große Unrecht, das Kanada seinen Bürgern japanischer Abstammung zu Zeiten des zweiten Weltkrieges angetan hat. Alle Japaner, die nah am Pazifik lebten, wurden vom Staat enteignet und umgesiedelt. Dabei sollte man denken, das Land wäre damit beschäftigt gewesen, den Faschismus und Rassismus zu bekämpfen! Leider scheint es, als sei Politik im Allgemeinen leider vom Streben nach mehr Macht und Geld angetrieben.

Zwangsvertreibung der Japaner in Kanada.

Den Rest des langen Tages lege ich noch drei Pausen ein: Zweimal halte ich an einem Konbini, um Kalorien nachzuladen und einmal sehe ich mich an einem Pflaumenladen um. Heute raste ich in Minabe, die Stadt ist bekannt für ihre Pflaumen. Ich kaufe eine Packung 梅干し (umeboshi – in Salz eingemachte Pflaumen), die schmecken mir so gut.

Handy aufladen vor dem Konbini.
Kaffee, Onigiri und Hähnchenspieße für den kleinen Hunger.
Sandwich und Donut.
Pflaumenladen.

Noch vor Sonnenuntergang komme ich am Hostel an. Ich bin der einzige Gast im wunderschön renovierten, historischen japanischen Haus eines Pflaumenbauerns. Der Frauenschlafsaal ist unterm Dach und die Deckenbalken befinden auf einer Höhe von ca. 1,30 m. Es duftet wunderbar nach Holz.

Eingang des Gasthauses mit Schiebetür, die mit Papier bespannt ist.
Traditioneller Gemeinschaftsraum.
Schlafsaal mit ausgerolltem Futonbett.
Duschkabine neben Pflaumenplantage.
Waschküche.

Nach einer notwendigen Dusche schwinge ich mich nochmal aufs Fahrrad und fahre durch die Nacht, ein paar Kilometer zum nächsten 居酒屋 (izakaya – japanische Kneipe). Fröhliches Geplapper dringt durch die Papierschiebetür. Doch als ich die Tür aufschiebe (wohlgemerkt erst auf der falschen Seite, dann nochmal auf der richtigen), herrscht Stille. Mit mir hat man hier heute nicht gerechnet. Ich setze mich an den Tresen und bestelle mir mein Abendbrot auf Japanisch – das Menü mit gebratenem Fleisch und danach kleine, ganze Stint-Fische. Langsam fließen die Gespräche wieder. Doch die Wirtin sieht mich mitleidig an und bietet mir eine Gabel an. Ich winke dankend ab, Essstäbchen sind mir recht.

Leckeres Abendessen mit gegrilltem Fleisch.
Zum Nachtisch noch ein paar mit Rogen gefüllte Fische, die im Ganzen gegessen werden.

Auf dem Rückweg ins Hostel höre ich nur das Zirpen der Grillen und das Quaken der Frösche in den Pflaumenplantagen. Der Wind hat anscheinend auch Feierabend gemacht. Ohne Gepäck saust das Fahrrad nur so durch die japanische Nacht.

2 Comments

  1. Lisa

    Allein das Wort „Pflaumenplantage“, hach, das hört wildromantisch an. Habe ein paar Tage Nachholbedarf und lese jetzt deine anderen Einträge. LG, Lisa

    • Luisa

      Viel Spaß beim Lesen! 🙂
      Das Schreiben dauert ewig jeden Tag, aber vergessen mag ich auch nichts… Also schreibe ich weiter.
      Liebe Grüße,
      Luisa

Antworte auf den Kommentar von Luisa Antwort abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert