Ich wache auf in meinem kleinen Zelt auf dem Zahnradbahnhügel. Gestern soll es in der Ehime Präfektur, nahe dem Start meines Radabenteuers ein Erdbeben gegeben haben. Aber ich habe nichts mitbekommen. Es scheint, als hätte sich mein Schlaf endlich eingependelt.
Ich mache ein bisschen Morgenorganisation in meinem Schlafsack, antworte auf Emails und Kommentare und plane den Tag, der vor mir liegt. So gut ich eben kann. Irgendeine Planänderung scheint ja fast immer vorzukommen, aber das ist auch gut so. Als ich gegen 7 Uhr mit Zusammenpacken beginne, kommt der Eigentümer des Zeltplatzes vorbei mit einem warmen Boss-Kaffee in einer bunten Dose und einem Melonpan, einem süßen, fluffigen Brötchen. Er fragt, wann er mich mit der Zahnradbahn abholen kann, aber ich bedanke mich und winke ab – ich trage meine Siebensachen gern den Berg runter.
Das, was der Eigentümer mir zu Essen gebracht hat, übersteigt bestimmt schon den Preis, den ich für dieses schöne Zelterlebnis bezahlt habe… Ich beschließe, ihm eine kleine Dankesnotiz mit einem super seltenen 2000 Yen Schein zu hinterlassen. Ich finde es richtig toll, dass er diesen Zeltplatz errichtet hat. Mitten im Nirgendwo hat er einfach eine gute Idee gehabt mit diesem Zeltplatz und die umgesetzt. Obwohl die Arbeit in der Landwirtschaft und mit Holz wahrscheinlich eher das ist, was ihm in die Wiege gelegt wurde. Ich wünsche ihm wirklich alles Gute für seine Zukunft!



Ich halte an dem nächsten Konbini an für einen Kaffee. Da fährt der Eigentümer hupend mit seinem Mini-Truck vor und springt raus: „Du bist Deutsch? Du bist in der Zeitung!!“, die er mir unter die Nase hält und mir gleich noch eine Tüte mit Umeboshi Pflaumen und einer Tüte Pflaumenjelly-Getränk überreicht. Leider kann ich ihn wieder kaum verstehen, aber er ist sehr freundlich und begeistert. Ich sage ihm noch, dass ein kleines Geschenk an seinem Empfangstisch auf ihn wartet und hoffe insgeheim, dass er mich danach nicht nochmal findet und mit Geschenken überhäuft. Mein Fahrrad wird immer schwerer und die Höhenmeter nicht weniger.

Der richtige Radfahrtag beginnt und ich folge meinem neuen Hobby, Tunnel auf Bergstraßen umfahren. Auf der zweiten Tunnel-Umgehungsstraße im Nirgendwo schaut mich plötzlich ein Kätzchen erwartungsvoll an. Ich beginne schon, das Katzenfutter rauszukramen, das ich seit der Begegnung mit dem verletzten Kätzchen mit mir rumtrage. Aber da fallen mir Schilder auf, die untersagen, hier Haustiere zu füttern oder auszusetzen. Außerdem sitzen viele Katzen am Straßenrand und machen gemütlich Frühstückspause. Jemand muss einen ganzen Berg an Katzenfutter hier verstreut haben. Langsam schiebe ich mein Rad vorbei.



Vor 10 Uhr habe ich schon vier Tunnel umfahren und mache erstmal Pause.

Vor mir liegen noch viele weitere Tunnel heute, manche davon unumfahrbar. Doch ohne Sicherheitsweste ist mir da wirklich mulmig bei. Im nächsten Örtchen scheint kein passender Laden zu sein – dafür ist da eine Touristeninformation. Das frage ich einfach mal nach.
Die Leute der Touristeninformation zeigen sich begeistert von mir und meiner Tour. Ich soll reinkommen, einen Pudding essen und einen Kaffee trinken. Gar kein Problem, dem komme ich gern nach.

Ich frage die netten Leute, ob ich hier im Ort oder in der Nähe irgendwo eine Sicherheitsweste kaufen könnte, doch sie sind erstmal ratlos. Doch es werden Telefonhörer geschwungen und ich werde gefragt, ob ich ca. eine halbe Stunde Zeit hätte. Habe ich!
Nach nur ca. 15 Minuten betritt ein Mann in weißer Arbeitskleidung die Touristeninformation. Er hat einen ganzen Haufen Reflexionsmaterial dabei – Westen, Streifen, Armbänder, mit Klettverschluss und mit Nietenverschluss. Ich werde ausgestattet und darf wieder nichts bezahlen. Daher kaufe ich mir etwas im Andenkenshop. Ganz umsonst kommen sie mir nicht davon!
Es fehlt nur noch eine Sirene auf dem Kopf, dann bin ich wirklich nicht mehr zu übersehen. Das Team will wissen, ob ich denn viel bei Nacht fahre, aber das tue ich nicht. Ich erkläre ihnen, dass ich nach dem Motto lebe, welches mir mein Stahlwerkskumpel Masahiro beigebracht hat: ご安全に (goanzen ni -bleib sicher!). So begrüßen sich japanische Stahlwerker, statt Glück auf oder Mahlzeit. Auch ich möchte gerne sicher bleiben, denn im Tunnel habe ich vor allem 不安 (fuan – Unbehagen). Aber jetzt, gut ausgestattet, klappt’s auch mit dem Tunnel.

Mein nächster Halt ist Koibito Misaki, das Kap der Liebenden. Wieder folge ich Masahiros Empfehlung. Ob er seine Berufung verfehlt hat und vielleicht ein Reisebüro aufmachen sollte? 😉
Am Kap der Liebenden treffen Wellen aus zwei entgegengesetzten Richtungen aufeinander. Das ist wirklich schön anzusehen. Sonst kommen Wellen eigentlich nur vom Meer auf den Strand. Jedenfalls soweit ich das weiß und ich weiß nicht viel.


Ich sehe mir das Spektakel an und telefoniere schließlich mit meinem Liebsten, Tyrel. So muss ich nicht allein am Kap der Liebenden stehen.
Leider fängt es bald an zu regnen. Davon war heute morgen noch nichts zu hören in der Wettervorhersage. Naja, in ca. zwei Stunden soll es wieder aufhören. Ich ziehe meine Regensachen an und radle ca. 5 km zur nächsten Raststätte.

Dort hole ich mir einen neuen Stempel und esse ein paar Schätze aus meinem schweren Fahrrad, bis der Regen aufhört. Dann fahre ich weiter.


Aber nach ein paar hundert Metern fängt es wieder an zu regnen. Also Regensachen an und weiter. Oft muss ich anhalten und Regensachen anziehen oder ausziehen. Doch irgendwann regnet es wirklich nur noch vereinzelte Mikrotropfen und ich ziehe ohne Regensachen weiter. Ich muss heute noch etliche Tunnel durchfahren, aber es ist kein großes Problem mehr. Vor dem Tunnel anhalten, Lichter an, durchatmen, abwarten, bis kein Auto von hinten kommt, durchfahren. Nach dem Tunnel anhalten, Lichter aus, weiterfahren.


Schließlich komme ich an meinem heutigen Endziel an, Kushimoto, der südlichste Punkt der größten japanischen Insel Honshu. Eigentlich wollte ich zelten, aber der Zeltplatz ist geschlossen. Also sehe ich mich nach einem Hotel um. Zum nächsten Zeitplatz ist es zu weit.


Kurz vor dem nächsten Hotel fährt ein älterer Mann hupend an mir vorbei. „Hey, bist du Deutsch?“ „Ja.“ „Ich hab dich heute in der Zeitung gesehen!“ „Ja genau, das bin ich!“
War es wirklich nur die Regionalzeitung, die über mich berichtet hat? In meiner Welt bin ich schon zwei Tagesreisen entfernt von Minabe. Aber ein Stück meines Herzens ist da geblieben.
Er fragt wieder, ob ich wirklich Deutsch bin und in Kanada lebe und Japanisch gelernt habe und dann in Minabe Tücher mit Pflaumenbaumrinde gefärbt habe. Ja, das stimmt alles, ich deute auf mein gefärbtes Halstuch, das ich trage. Er fährt die 200 Meter zum nächsten Gasthaus vor mir her, um mir den Weg zu weisen und stellt mich der Rezeption vor. Freie Zimmer gibt es noch. Der Preis ist für meinen Geschmack ein bisschen hoch, dafür ist Abendessen, Frühstück und ein Onsen mit inbegriffen. Ich bleibe hier.
Der freundliche Herr, sein Name ist Sakata, wartet draußen und möchte unbedingt mit mir Schere, Stein, Papier spielen. Na gut, warum nicht. Doch er scheint meine Gedanken lesen zu können und gewinnt andauernd. Er fährt wieder weg und kommt wieder mit einem Aufkleber für mich, vom südlichsten Punkt Honshus. Dann spielen wir wieder Schere, Stein, Papier. So lange, bis ich einmal gewonnen habe. Dann ist er zufrieden, wir schießen ein Foto und er erzählt mir, dass er selbst mit dem Fahrrad allein einmal um Japan herum gefahren ist. Das scheint hier nicht unüblich zu sein. Dabei kenne ich niemanden, der einmal um Deutschland herum gefahren ist. Vielleicht fehlt der Anreiz, da Deutschland keine Insel ist und die Grenzen zum Glück keine Mauern mehr.

Mein Zimmer ist ein traditionell japanischer Raum mit Tatamiboden und Futon im. Das Badezimmer ist auf dem Flur und das im ersten Stock. Ich soll hinter mir abschließen, wenn ich es benutze. Erst hänge ich meine Siebensachen im Zimmer auf, damit sie gut trocknen können dann mache ich mich fertig fürs Bad. Das Wasser ist gerade erst eingelassen worden und sehr, sehr heiß. Ich muss ein bisschen kaltes Wasser hinzufügen und trotzdem ist meine Haut ganz rot, als ich nach ein paar Minuten aufstehe. Ich schrubbe mich wieder sehr gründlich und die erste Bettschwere stellt sich ein.



Das Abendessen wird in mehreren Gängen serviert. Wirklich Ahnung, was ich da esse, habe ich nicht. Manches ist sehr knorpelig, manches weich, aber es schmeckt gut und am Ende bin ich satt. Heute bestelle ich mir sogar ein Getränk dazu, eine Pflaumenschorle.


Zurück im Zimmer fallen mir die Augen zu beim Blog schreiben. Ich beschließe, mich dem Verlangen hinzugeben und schreibe diesen Beitrag nach einer guten Mütze Schlaf, aber noch vor der Morgendämmerung des nächsten Tages, zuende.




Hast du dich mit deinem Schlaf mittlerweile dem ortsüblichen Tag-Nacht-Rythmus angepasst?
Ich bin wahrscheinlich eher im Bett und eher wach als die meisten hier, aber jedenfalls schlafe ich nachts und fahre tagsüber Rad. Passt also. ^^
Ich finde es unglaublich schön, Deinen Blog zu lesen, es ist als wenn ich bei Dir auf der Schulter sitze und alles mit erlebe. Und es ist wunderbar, dass Du soviel nette Menschen kennenlernst. Hab noch viel Freude, ich denke an Dich, fühl Dich gedrückt, Sabine
Moin Basinchen,
Freut mich sehr, dass du mich immer noch begleitest auf meinem kleinen Abenteuer! Jetzt tanke ich gerade Kalorien vor einem Konbini und gleich geht es wieder bergauf mit Sack und Pack und dir auf der Schulter. 🙂
Ganz liebe Grüße und bis bald,
Lupina
かわいいスタンプGET
ご飯美味しそう
ありがとうございます!
滅茶たくさんスタンプを集めるから、supplements のページはほとんどいっぱいですね!:)