Japan Tag 19 – Von Misedani nach Ise

Japan Tag 19 – Von Misedani nach Ise

Ich schlafe ein und wache auf bei strömendem Regen. Aber mein Futon ist wunderbar warm und der Raum duftet nach Tatamiboden.

Meine Frühstückszeit ist um 7 Uhr, vorher habe ich schon mein Rad gepackt und das Zimmer geräumt. Genau wie das Abendessen gestern ist das Frühstück heute unglaublich lecker. Die Wirtin fragt mich, ob ich wirklich Natto (Fäden ziehende, fermentierte Sojabohnen) und ein rohes Ei essen möchte, was ich bejahe.

Gepacktes Rad.
Weg zum Frühstück.
Leckeres Frühstück.

In voller Regenmontur beginne ich meine heutige Fahrt. Die Wolken hängen noch in den Bergen, aber bald schon soll es aufklaren. Zum ersten Mal fahre ich an kleinen Teeplantagen vorbei.

Tief hängende Wolken.
Kleine Teeplantage.

Später sind es Reisfelder statt Teeplantagen, die meinen Weg säumen. Der Regen hat aufgehört und der Gegenwind pustet die Straßen wieder trocken.

Kleine Seitenstraße.
Frisch bepflanztes Reisfeld.

In einer winzigen Seitenstraße fahre ich an einem kleinen Fluss vorbei, in dem es läuft platscht. Ich halte an und kann meinen Augen kaum trauen. Riesige Karpfen tümmeln sich im seichten Wasser. Manche sind so groß, dass ihre Rückenflosse aus dem Wasser schaut. Ich stehe bestimmt 20 Minuten und staune. Eine Kindergartengruppe kommt mit zwei Erzieherinnen an und bestaunt wie ich die Karpfen. Ich überlege, den Karpfen mein Katzenfutter zu geben, aber anscheinend finden sie hier genug Futter.

Karpfen.
Nochmal Karpfen.
Fische, seitwärts.
Zwei große Karpfen.

Ich halte an einem kleinen Café für einen Milchkaffee und einen Buttertoast mit Erdbeerjoghurt, da ich gern die Toilette benutzen und mein Handy laden möchte. Für mein Menü zahle ich nur 440 Yen, das finde ich sehr günstig.

Kleines Frühstück.

Ein paar Kilometer weiter bin ich schon am ersten Teil meiner heutigen Attraktion: Dem äußeren Ise Schrein (Geku). Zusammen mit dem inneren Schrein (Naiku) stellt er den wichtigsten Ort der japanischen Shinto Religion dar. Aber erstmal befindet sich vor der Touristeninformation ein weiterer Pokemon Gullideckel.

Mein zweiter Pokemon Gullideckel.

Heute möchte ich möglichst wenig falsch machen. Die Shinto Religion ist für mich sehr faszinierend, aber ich weiß recht wenig über sie. Ich beschließe, so genau wie möglich zu beobachten, was andere machen und die Harmonie nicht zu stören.

Brücke zur Schreinanlage.

Vor dem ersten großen Tōri verneigt man sich, dann geht man hindurch. Der erste Stopp ist beim Wasser. Mit der rechten Hand nimmt man die Kelle, schöpft Wasser und wäscht damit die linke Hand. Dann kommt die Kelle in die linke Hand und wäscht die rechte. Anschließend lässt man Wasser in die linke Hand fließen und wäscht sich den Mund (das scheint optional zu sein) und abschließend kippt man die Kelle so, dass Wasser über den Griff läuft und den Griff reinigt. Dabei ist zu beachten, dass das „gebrauchte“ Wasser nicht zurück in die Quelle tropft.

Reinigungsort.

So richtig nah an den innersten Schrein kommt man nicht ran. Man kann die Reetdächer sehen, aber Zäune und Tücher versperren die direkte Sicht. Trotzdem darf man keine Fotos machen, da wo man sich zum Verneigen anstellt. Vielleicht, damit man in Ruhe beten kann ohne von allen Seiten fotografiert zu werden.

Ich vor dem Geku Hauptschrein.
Eingang zum Hauptschrein.
Nebenschrein.
Tōri.

Die richtige Reihenfolge beim Beten scheint zu sein: An die Absperrung treten, sobald der Vordermann gegangen ist, Münze in einen Kasten werfen (scheint optionaler zu sein, je kleiner der Schrein ist), verneigen, verneigen, klatschen, klatschen, Pause…. , verneigen, abtreten. Bei den heiligsten Schreinen wachen ein Polizist (oder ein Wachmann in ähnlicher Uniform) und ein Priester darüber, dass alles mit rechten Dingen zugeht.

Leerer Platz neben dem Haupttempel.

Der Wald rund um die Schreine ist wirklich beeindruckend. Obwohl so viele Menschen unterwegs sind, wirkt alles so friedlich. Dieser Wald macht einen ganz besonderen Eindruck auf mich. Er ist kraftvoll und wirkt ein bisschen überirdisch, dabei aber auch sehr heilsam. Riesige Zedern wurden mit Bambus eingedeckt. Auf ihrer Rinde wachsen Moos und kleine andere Pflanzen. Lange überlege ich, was diesen Wald so besonders macht für mich. Vielleicht ist es, dass es für mich wie eine Symbiose wirkt zwischen Mensch und Wald. In diesem Fall, dass der Mensch dem Wald hilft, so zauberhaft und kraftvoll wie möglich zu sein. Ich bin ganz bewegt, hier sein zu dürfen in diesem magischen Zauberwald.

Neuer Baum über altem Stumpf.
Impressionen.
Riesige Zedern.
Zeder von unten.
Mit Bambus bedeckter Stamm.
Bewachsene Rinde.

Weit weg von allen irischen Blicken werden hier seit ca. 1500 Jahren heilige Rituale durchgeführt, um die Göttin Toyo’uke-no-Omikami zu ehren. Sie wacht über die Mahlzeiten der Hauptgöttin, Amaterasu-Omikami und ist außerdem zuständig für Essen, Kleidung, Behausung und Industrie. Reinheit spielt eine ganz besondere Rolle bei den Ritualen. Bevor der Shinto Priester oder die Priesterin die Mahlzeiten für die Göttin zubereiten kann, muss einen rituelles Bad genommen werden und die Nacht muss in einem besonders abgetrennten Bereich verbracht werden, bevor am Morgen ein heiliges Feuer mit einem speziellen Instrument entfacht wird.

Badeort.

Ich finde das ganz spannend und ein bisschen schade, dass wir in Deutschland keine jahrestausendealte germanischen Traditionen haben, die noch durchgeführt werden. Wobei ich mir vorstellen könnte, dass diese Rituale weniger reinlich wären. Vielleicht würde man mit Freunden zusammen ein paar Tage lang betrunken sein und singen und tanzen? Wobei, das gibt es ja durchaus noch, nennt sich Metal Festival und ich habe selbst jahrelang teilgenommen. 🙂

Nachdem ich meine Tour im äußeren Schrein beendet habe, radle ich ein paar Kilometer zum inneren Schrein. Hier wird die Hauptgöttin, Amaterasu-Omikami, in einem Schrein verehrt. Soweit ich verstanden habe, ist sie in einem heiligen Spiegel manifestiert, der in einer Box im Innersten des inneren Tempels ruht. Doch nur der Hauptpriester der Anlage darf den Raum überhaupt betreten. Ich weiß nicht, ob die Box je geöffnet wird.

Zuerst geht es für mich über die wunderschöne Holzbrücke Ujibashi. Sie ist, genau wie die Tempel, uralt und trotzdem recht neu. Alle 20 Jahre werden diese neu erbaut, nach genauen Plänen. Der Hauptschrein wird im Jahr 2033 wieder neu errichtet, auf dem leeren Platz neben dem jetzigen Schrein.

Brücke Ujibashi.
Brücke von der Seite.

Auch auf dem Gelände des Hauptschreins werde ich ganz emotional von dieser ganz besonderen Atmosphäre im Wald. Es fühlt sich so an, als hätte ich doch eine kleine Pilgerreise gemacht und vielleicht ein bisschen in die japanische Seele schauen dürfen in den letzten Tagen und Wochen. Und jetzt bin ich hier, um einmal Danke zu sagen und zu hoffen, dass Japan und diese ganze Welt auf einem guten Weg ist. Mit zweimal Verbeugen, zweimal Klatschen, einer Pause und einer Verbeugung.

Naiku Heiligtum.
Eindrücke.
Treppe.
Bäume.
Nochmal Bäume.
Bäume und Wiese.
Gebäude.
Baum, gestützt.

Verrückt finde ich, dass in den Menschenmassen bei den beiden Tempeln heute nur drei westliche Gesichter erblicke. Dabei ist dies hier die einzige große Touristenattraktion, die ich wirklich gerne sehen wollte auf meinem Japanbesuch.

Rad, geparkt.

Nach meinen Schreinaufenthalten schlender ich durch die Souvenir und Futtermeile neben dem Haupttempel. Ich entscheide mich für Austern, die über Holzkohle gegrillt wurden und zwei kleinen Sushibällchen mit Matsusaka Rindfleisch, dem angeblich teuersten und leckersten aller Wagyu Rindfleischsorten. Das Stück Fleisch schmilzt in meinem Mund und schmeckt recht süßlich. Eine wirklich tolle Erfahrung. Die Austern sind mir ein bisschen zu wenig gegrillt. Ich esse ja so ziemlich alles, aber rohe Austern sind mir ziemlich egal. Geräuchert und eingemacht sind sie aber sehr lecker!

Futtermeile.
Monument.
Katze, schläfrig.
Extra nahe Katze.

Es ist schon recht spät und ich suche mir online meine Bleibe. Ein Frauen-Hostel, sehr günstig und nah. Nach einer Dusche habe ich noch ein Matsusaka Hacksteak zum Abendessen, das ich vergesse zu fotografieren. Im Hintergrund läuft ein Rockkonzert auf dem Bildschirm. Das Leben ist voll in Ordnung.

6 Comments

  1. Ela

    Hallo liebe Luisa,

    endlich habe ich es geschafft vorbeizuschauen und daraus ist ein binge reading geworden 🙂

    Was fuer tolle Erlebnisse und ich bin begeistert davon wie Du die Menschen beschreibst und … wie respektvoll Du gegenueber deren Traditionen bist!
    Wunderschoen das alles durch Deine Augen erleben zu duerfen. Danke fuer’s Teilen.

    Weiterhin viel Spass, starke Oberschenkelmuskeln und gutes Wetter.

    Alles liebe von unten rechts … oder, jetzt bin ich ja irgendwie oben links (je nachdem von wo aus wir gucken)
    und, ich freue mich so sehr, dass Du dich durchgerungen hast, Deinem Herzen zu folgen.
    ela

    • Luisa

      Hi ela,

      Danke für deinen lieben Kommentar. 🙂
      Ich bin auch froh, hier zu sein. Manchmal muss man einfach drauf hören, was einem die innere Stimme so rät.
      Freut mich jedenfalls sehr, dass du Spaß am Lesen meiner Erlebnisse hast!

      Liebe Grüße vom anderen Ende der Welt,
      Luisa

  2. Na das klingt ja wieder alles sehr interessant! Mich fasziniert ja am Meisten immer die Berichte übers Essen 😀 Ich selbst esse kein Fleisch, aber es klingt alles total spannend, vor allem weil du auch immer alles probierst, klasse! Hast du auch irgendwelche interessanten Getränke auf deiner Reise bisher gehabt? Gibt es leckere japanische Biere oder vllt. Weine? Ich weiß gar nicht ob du Alkohol trinkst, aber in SEA hab ich immer die lokalen Biere probiert und da waren einige echt leckere dabei 😀 Die Weine haben mir dort leider nicht so geschmeckt hihi LG, Manja

    • Luisa

      Ich trinke generell so gut wie gar nicht und habe bislang auf meiner Reise noch keinen Alkohol getrunken. Das mag sich ändern, wenn ich mein Ziel erreicht habe, wer weiß. 😉
      Aber da ich so selten trinke, bekomme ich ganz schnell einen Kater und werde duselig – beides kann ich auf meiner Tour nicht gebrauchen. Dann gebe ich lieber noch mehr Geld für Essen aus. ^^

  3. Johannes

    Als Wirtin hätte ich dich auch gefragt, ob du wirklich ein Natto und ein rohes Ei essen willst xD
    Aber wenn schon Kulturerlebnis, dann richtig, wie dein Blog eindrucksvoll aufzeigt 🙂

    • Luisa

      Hehe, dankesehr! Ich glaube schon, dass diese Art zu reisen nicht Jedermann’s Sache ist, aber das muss ja auch nicht sein. Wenn ich von meinen Erlebnissen berichte, haben wir schließlich alle was davon. ^^

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