Japan Tag 23 – Obu und Tokai

Japan Tag 23 – Obu und Tokai

Heute wache ich im Kinderzimmer meiner Freundin Eri auf. Die Sonne strahlt golden durch die Schiebetüren und ein Buddha ist gut gelaunt.

Morgenstimmung.
Buddha, gut gelaunt.

Gestern Abend, als ich mein Futonbett hierher umgezogen habe, wollte ich mein Kopfkissen so hinlegen, dass ich mit dem Kopf zur Tür schlafe. Denn mir wurde mal gesagt, dass tote Menschen mit den Füßen zuerst aus dem Raum getragen werden und man deshalb so nicht schlafen sollte.

Doch Tomoko erklärt, dass die Tür nach Norden zeigt und nur tote Menschen mit dem Kopf nach Norden schlafen. Da ich in Japan bin, folge ich lieber den örtlichen Gepflogenheiten – der deutsche Aberglaube zählt hier nicht.

So oder so bin ich heute sehr lebendig aufgewacht, denn heute geht es für mich in mein persönliches Disneyland. Tomoko und Kuno haben für mich ihren Einfluss geltend gemacht, was darin resultiert, dass ich heute doch noch ganz nah an einen japanischen Hochofen komme. Kuno kommt am Vormittag vorbei, holt mich ab und wir fahren zusammen zu Nippon Steel Nagoya Works, einem großen integrierten Hüttenwerk in Tokai, Aichi, Japan. Aber erstmal, ein leckeres und nahrhaftes Frühstück.

Guten Appetit!

Kuno und ich haben ein bisschen Probleme, den Weg zum Besucherzentrum zu finden. Aber Kuno parkt einfach an einem Hotel und ruft jemanden an, der angefahren kommt und uns mit seinem Auto den richtigen Weg weist.

Am Besucherzentrum erwarten uns schon freundliche Stahlwerksmitarbeiter in Arbeitsuniform. Mir fällt sofort auf, dass sie tolle Gamaschen tragen. Ganz ähnlich wie die Gamaschen, die ich bei den Bergarbeitern der Edoperiode in Minetopia schon bewundert habe. Ist das vielleicht ein gemeinsames Erbe, so wie der Gruß „Glück auf“ in Deutschland? Ich begrüße die Herrschaften mit einem herzlichen „ご安全に!“, wie es mir mein Stahlwerkskumpel Masahiro beigebracht hat. Die Verwunderung ist groß und ich erkläre, woher ich den japanischen Stahlwerksgruß kenne. Natürlich von meinem Stahlwerkskumpel in Wakayama. Die Hochöfen habe ich von der Fähre aus gesehen, als ich mit meinem Fahrrad von der Insel Shikoku zur Hauptinsel Honshu mit der Fähre gefahren bin. Und da bin ich direkt zum Stahlwerkszaun geradelt und habe da meinen Stahlwerkskumpel kennengelernt, ist doch ganz klar.

Ich als japanischer Stahlwerker.

Obwohl es ein schönes Besucherzentrum mit reichlich Personal gibt, werden hier seit Covidzeiten nur noch Touren für Schulklassen angeboten. Und für verrückte Touristen mit ganz viel Glück. 🙂 Wir reden ein bisschen über das Stahlwerk und meine Reise, jeder Teilnehmer bekommt eine Flasche Wasser, eine Dose Kaffee, Informationsbroschüren und eine Tüte mit Aufklebern, einer kleinen Torpedopfanne und zwei Rollen Stahlwerks-Verzierungsklebeband. Ich freue mich sehr.

Tolle Mitbringsel!

Wir schauen einen Informationsfilm über das Hüttenwerk auf Englisch. Hier gibt es auch eine Sinteranlage, Kokerei, natürlich Hochöfen, ein Stahlwerk, ein Warmwalzwerk, ein Kaltwalzwerk, Verzinkungs- und Beschichtungsanlagen, sowie Röhrenwerke. Sehr interessant finde ich, dass alte Plastikflaschen, die nicht recycelt werden können, im Kokereiprozess verwertet werden. Und sehr amüsant finde ich, dass im Film ein periodisch verlaufenes Coil als glänzendes Beispiel für Warmwalzprodukte gezeigt wird. Hihi. Hinter jedem Infofilm in der Technik stehen ein paar Ingenieure, die betreten mit dem Kopf schütteln.

Kuno sagt, dass ich der Gesellschaft doch noch was zeigen könnte und ich ziehe meine Jacke aus und präsentiere mein Hochofentattoo. Bislang habe ich Japaner in Arbeitskleidung als sehr kontrolliert und professionell erlebt, doch hier ist die Überraschung sehr deutlich zu sehen. Damit hat niemand gerechnet. Es werden Bilder gemacht und Fragen gestellt, die Stimmung ist heiter und gelöst.

Wir werden mit Sicherheitskleidung ausgestattet, es werden ein paar Bilder geschossen und dann geht es in den Bus mit zwei Führerinnen und einem Ingenieur, hinein ins Werk. Aber erst werden wir gebeten, den Kindern des Betriebskindergartens aus dem Bus zuzuwinken, was auf ein sehr niedliches Winkecho stößt.

Es gibt hier auch Schienenverkehr, der scheint aber hauptsächlich für Torpedo- und Konverterpfannen und ähnliches zu sein. Brammen und Coils werden auf ganz flach erscheinenden, langen Transportwagen hin- und hergefahren. Leider darf ich keine Bilder machen von ihnen, aber die Brammentransporter können mit 180 Tonnen und die Coiltransporter mit 105 Tonnen beladen werden.

Beispielbilder der Transporter und einem Hochofenquerschnitt aus meiner Stickersammlung.

Dann halten wir und steigen aus am Hochofenausblick, direkt neben einem alten Hochofenmantel. Richtig toll, hier zu sein! Ich frage, ob hier Bilder geschossen werden dürfen und ich meine Jacke ausziehen darf und beides wird bejaht. Ich bin im siebten Hüttenhimmel. Eine Führerin erzählt mir, dass der Produzent der berühmten japanischen Ghibli-Filme, Hayao Miyazaki, hier die Inspiration für das Schloss für seinen Film „Das wandelnde Schloss“ gefunden hat. Den Film werde ich auf jeden Fall gucken müssen.

Hochofenmantel.
Schaudiagramm.
Hochöfen und Stahlwerker mit Gamaschen.
Japanischer Hochofen, mein Hochofentattoo und ich.

Es geht weiter an einer riesigen Baustelle entlang. Hier wird auf grüner Wiese ein komplett neues Warmwalzwerk errichtet. Echt toll, was man da für Möglichkeiten hat, wenn man alles von neu auf bauen kann. Wir steigen aus und besichtigen die derzeitige Warmbandstraße, die 1963 in Betrieb ging. Es gibt drei Hubbalkenöfen, eine Stauchpresse, eine Vorstraße (es werden drei Stiche gefahren), ein Zwischengerüst und eine siebengerüstige Fertigstraße. Es wird von rechts nach links gewalzt, wenn man auf der Bedienungsseite steht, was mir sehr komisch vorkommt. Vor der Fertigstraße gibt es Wärmehauben, die ein Auskühlen vom Vorband verhindern sollen. Die Führerin erklärt, dass das erste Gerüst in der Geschwindigkeit eines Fahrrads walzt und das letzte Gerüst so schnell wie ein schnelles Auto fährt. Finde ich gut, den Vergleich. Vor allem, wenn man es Schülern erklärt. Der Besucherlaufsteg endet an der Fertigstraße, Kühlstrecke und Haspel können nicht besichtigt werden.

Langsam geht es wieder zurück ins Besucherzentrum. Hier warten wieder die netten Herren auf uns, es steht für jeden Besucher eine Dose grüner Tee bereit. Für mich hat man in der Zwischenzeit einen Anstecker angefertigt, mit dem kleinen Comic-Hochofen und meinem Namen. Ich bin wirklich gerührt, das ist so lieb!!

Besucherzentrum.

Nach dem emotionalen Abschied fahre ich mit Kuno zu einem Unagi-Restaurant (Aal). Er hat Essen für uns beide zum Mitnehmen bestellt. Wir fahren in einen nahegelegenen Park und machen ein kleines Picknick, während wir den schönen Tag und den gestrigen Abend Revue passieren lassen. Obwohl mein Japanisch nicht sehr sicher ist, kann ich den einen oder anderen Witz platzieren und wir haben eine tolle Zeit zusammen.

Noch lebender Aal im Eintrittszimmer des Restaurants.
Unagi-Mittagessen mit Kuno.
Schöner Park mit einem Schloss.

Doch schließlich ist auch das Mittagessen vorbei und Kuno fährt mich zurück zu Tomokos Haus. Er sagt, dass wir bei meinem nächsten Besuch wieder Unagi essen gehen und überreicht mir einen kleinen, goldenen Klappspiegel als Andenken. Ich muss wirklich weinen beim Abschied. Was für liebe Menschen es auf dieser Welt gibt, die einem einfach so helfen, kleine und große Träume wahr werden zu lassen. Obwohl man sich eigentlich gar nicht kennt. Und man weiß nicht, ob man sich jemals wiedersieht.

Eigentlich wollte ich am Nachmittag meine Kanadakiste packen. Stattdessen schreibe ich diesen Blogeintrag und weine. Weil diese Welt so groß, voller Wunder und herzensguter Menschen ist. Und weil 15 Lebenszeiten nicht ausreichen würden um Zeit mit den Menschen zu verbringen, die mir jetzt schon ans Herz gewachsen sind.

Alles ist so vergänglich, das bricht am Nachmittag des tollen Stahlwerktags über mich herein. Wie kann ich den Menschen und der Welt jemals ausreichend danken für all das Gute, was mir schon wiederfahren ist? Vielleicht, indem ich erstmal anfange mit tief durchatmen, Tee trinken und ein bisschen Lindor Pralinen futtern. :‘)

13 Comments

  1. Berenike

    Liebste Luisa,
    Ich freue mich jeden Tag deinen Blogpost zu lesen.
    Jetzt laufen auch bei mir die Tränen, ich fühle mit dir und freue mich so sehr, wie du dich auf dass Land und die Menschen auf deiner Reise eingelassen hast.
    Danke, dass du uns daran teilhaben lässt! <3
    BearKnee

    • Luisa

      BearKnee,
      Ach du bist du lieb. <3
      Ich freue mich sehr, dass ich dich ein bisschen in meine Gefühlswelt mitnehmen konnte, auch wenn du mit Stahlwerken eher weniger am Hut hast. ^^`
      Aber die Gefühle um die menschlichen Verbindungen herum, die sind ganz universell glaube ich. <3
      Alles Liebe an dich und deine Familie. 🙂

  2. Claudia Ludwig

    Moin Lulu,

    Wie leicht man doch einen Menschen (dich!) glücklich machen kann

    • Luisa

      Moin Claudia,
      Das kommt wahrscheinlich auf den Betrachter drauf an, ob die ganzen Umstände hier einfach zu erreichen sind oder nicht. 🙂 Aber du hast Recht, einen Lottogewinn habe ich dafür nicht gebraucht. 😉
      Liebe Grüße aus Japan,
      Lulu

  3. Tam

    Luisaaaaaaa!!!!

    I’m sooooo excited for you!
    WHAT A TRIP!

    I’m going to sleep with my head facing west tonight : )

    Hugs from home.
    Tam

    • Luisa

      Yes, WHAT A TRIP indeed! XD
      I actually face West in my Yukon sleep as well and it’s working very well for me. 🙂
      Bear Hugs to you!! ❤️

  4. Ela

    Hallo Luisa,

    ich kann so sehr mit dir mitfuehlen und finde es einfach wunderbar, dass es noch Menschen wie dich gibt, die eben diese Gesten so sehr zu schaetzen wissen.
    Genau das ist es aber, was du als Mensch auch vermittelst und daher genau auf solche Menschen stoesst, denen es so geht wie dir und auch gern Geben. Ausserdem ist dein echtes Interesse an ihren Traditionen und dem Leben spuerbar und daher ziehst du auch solche Menschen an 🙂

    Ich merke aber auch, wie sehr dich diese Reise schon gepraegt hat und frage mich, ob es mit dieser Reise „getan“ ist, oder, ob du jetzt erst recht den Drang verspueren wirst, weitere Ecken dieser Welt und deren Menschen entdecken zu wollen 😉

    Wie wunderbar, dass du diesen Schritt gewagt hast und diese Erinnerungen und Momente fuer dich geschaffen hast, die dir nie wieder genommen werden koennen.

    Weiterhin viel Spass und nur das Beste auf deinem Weg.

    Alles Liebe von unten rechts, ela

    • Luisa

      Hi ela,

      Wir werden sehen wie es weiter geht mit mir und meinem Leben im großen Ganzen. 🙂 Gerade genieße ich den Luxus, dass ich voll im Moment leben kann.

      Viele Grüße aus Japan,
      Luisa

  5. Eri

    It is your amazing personality and your smile that attracts great people, Luisa 🙂 So grateful to have met you!

    • Luisa

      I’m not crying, YOU are crying!!! :‘)
      That’s what you got for talking to me in the sauna. Now I sleep in your room and eat the most delicious 大福 with your mom in the kitchen!! 😀

  6. Sabine Hofmann-Beulshausen

    Das ist einfach nur wunderschön, was Du erlebst. Ich freue mich so für Dich. Ich umarme Dich. Was für gastfreundliche Menschen die Japaner doch sind. Bis hoffentlich bald, Sabine

  7. Daley

    Oh my heart, these blog posts transport me to your far away world! I feel close and connected to you as you share these amazing stories of your journey. And these stories can only be yours as you invite this kindness and generosity with your equally beautiful, open and respectful spirit.
    I am so happy to know your adventurous nature, your curiosity and courage have filled your beautiful heart with more love than you could ever have imagined!!
    Luisa, you did it!!!! There was never a doubt!!
    Love you so much my dear friend.

    • Luisa

      Oh Larry Pie,
      Thanks so much for your kind words. :‘)
      Can’t wait to give your a juicy hug super soon!!!! <3

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