Japan Tag 18 – Von Aiga nach Misedani

Japan Tag 18 – Von Aiga nach Misedani

Vor dem Einschlafen gestern habe ich noch bemerkt, dass ich nicht alleine bin in meinem Zimmer. Neben mir haust hier noch die größte Spinne, die ich je gesehen habe.

Ich glaub ich Spinne!

Spinnenangst habe ich eigentlich nicht, aber das ist schon ne ganz schöne Hausnummer. Ich befrage erstmal das Internet, ob die Spinne giftig ist, aber das scheint sie nicht zu sein. Beeindruckend ist sie aber. Und nachtaktiv. Vielleicht eine Warmhaus-Riesenkrabbenspinne?

Ich frage mich, ob ich zur Rezeption gehen soll, denn ganz geheuer ist sie mir nicht. Aber ich möchte auch nicht, dass sie Spinne getötet wird. Und wenn man versucht, sie zu fangen, läuft sie bestimmt unter’s Bett. Wer weiß, was in den anderen Zimmern so lebt? Hier scheint die Spinne jedenfalls alle Kakerlaken aufgefressen zu haben, da ist es vielleicht sicherer, hier zu bleiben.

Einerseits freue ich mich, mit dieser Begegnung den Eintritt in den Zoo gespart zu haben. Anderseits finde ich, die Spinne ist groß genug, dass wir uns den Zimmerpreis teilen sollten… Besonders gut schlafe ich nicht.

Am Morgen ist die Spinne nicht mehr am gestrigen Ort. Zur Sicherheit habe ich gestern schon meine Packtaschen verschlossen, um die Spinne nicht aus Versehen mitzunehmen. Vorsichtig nähere ich mich dem Ausgang. Heute mache ich es lieber wie die Australier und schüttel meine Schuhe vorm Anziehen aus. Schuh 1 ist sauber. Als ich Schuh 2 anfasse, rast die Riesenspinne in einer wahnsinnigen Geschwindigkeit auf mich zu. Erst schüttelt es mich, dann muss ich lachen. Gut zu wissen, dass die Ur-Instinkte noch einprogrammiert sind.

Morgens vor 6 Uhr stehe ich schon mit abfahrbereitem Rad vor dem Hotel. Für heute ist Regen angesagt, aaaaber heute ziehe ich gerne weiter und überlasse meiner Zimmernachbarin wieder ihr Reich.

Rekord in Sachen früheste Abfahrt!

Außerdem muss ich so oder so los, ich habe wahnsinnigen Hunger. Zum Glück ist ein Konbini nur ein paar Kilometer entfernt, den steuere ich direkt an.

Selbst um 6 Uhr morgens an einem Sonntag herrscht hier reger Betrieb. Ich kaufe eine Auswahl an Frühstücksleckereien und nehme sie auf einer Bank draußen zu mir. Noch regnet es nicht. Nachdem ich aufgegessen habe, kaufe ich mir noch Verpflegung für die Strecke und organisiere meine Routenführung. Ein älterer Mann kommt auf mich zu und drückt mir lächelnd zwei Bananen und eine Mandarine in die Hand. Ich bedanke mich recht herzlich und versuche, ein Gespräch zu beginnen. Doch er sagt kein einziges Wort. Er lächelt und winkt ab. Ich bedanke mich nochmal so gut ich kann und unsere Wege trennen sich wieder.

Frühstück.

Die ersten paar Kilometer gehen ganz gut. Es ist zwar hügelig, aber nichts Dramatisches. Der anstehende Tag gestern scheint mir nicht in den Knochen zu stecken. Oder fliehe ich nur vor der Spinne?

Schön eingekleidete Statuen.
Küstenlandschaft.

Eine Raststätte liegt auf meinem Weg, hier halte ich wie immer gern an. Die Raststätte und der Ort sind dem Mondfisch gewidmet, ein eigenartiges Tier. Er kann gut zwei Tonnen schwer werden, aber sein Gehirn wiegt nur ein paar Gramm. Vor der Raststätte kaufe ich mir einen Spieß gebratenen Mondfisch und bin überrascht, dass die Konsistenz ziemlich gummiartig ist. Aber es ist gut gewürzt, so kann man ja fast alles schmackhaft machen. Ich spreche dem Koch also mein Kompliment aus und darf noch andere getrocknete Fische probieren. Der Koch zeigt auf eine Zeichnung von dem Fisch, den ich gerade esse. Er sieht ein bisschen aus ein Aal, aber er ist hellgrün und bandförmiger. Leider kann ich mir den Namen nicht merken, aber er schmeckt auch gut.

Raststätte und Mondfischimbiss.
Mondfisch.

An der Raststätte fängt es an, leicht zu regnen. Eine Entscheidung steht an. Soll ich mir hier eine Unterkunft suchen, oder soll ich weiterziehen? Das Höhenprofil meiner Radfahrkarte besagt, dass ein sehr steiler Anstieg über ein paar Kilometer bevorsteht und es dann sehr leicht bergab geht. Ich beschließe, weiterzuziehen. Meine Freundin Tomoko in Nagoya hat etwas Tolles für mich geplant in ein paar Tagen und ich möchte gern rechtzeitig ankommen. Wäre der Anstieg sanft und der Abstieg steil gewesen, wäre ich vielleicht im Tal der Mondfische geblieben. Aber ob ich das Rad bei Sonnenschein oder im Regen den Berg hochschiebe, das macht für mich keinen großen Unterschied. Also geht es los und immer bergauf, bis mich der dritte Tunnel erlöst und es sanft bergab geht.

Bergstraße.
Kleiner Schrein mit Wasserfall vor einem Bergtunnel.

Die Landschaft ist so schön sattgrün bei diesem Wetter. Wann immer es nicht zu stark regnet, hole ich kurz mein Handy raus und mache einen kleinen Schnappschuss.

Nebenstraße in den Bergen.
Betonwand mit bunten Gänseblümchen.
Viele verschiedene Grüntöne.
Wolkenverhangene Berge.

Vor 12 Uhr mittags habe ich schon 50 Kilometer und 500 positive Höhenmeter geschafft und halte bei der nächsten Raststätte. Ich wärme mich mit einer Portion Curry-Udon auf und lasse die Zeit etwas verstreichen. Mittlerweile regnet es Bindfäden und in den Pfützen bilden sich Blasen. Das soll bis morgen früh so weitergehen.

Curry-Udon.
Schöne Holzarbeiten.
Nasser Parkplatz.

Ich beschließe nicht auf gut Glück das nächste, günstig aussehende Hotel anzusteuern, sondern frage in der Raststätte nach, ob mir ein günstiges Gästehaus in der Nähe empfohlen werden kann. Die Empfehlung ist nur 5 km weit entfernt, aber es ist noch früher Nachmittag und ich schaue ein bisschen in die nahen Wolken und atme die frische Luft ein.

Schließlich lässt der Regen ein bisschen nach, ich schmeiße mich wieder in meine Regenkleidung und radle los.

Klarer Fluss.
Malerische Landschaft.

Das Gasthaus ist auch Restaurant, jedoch in zwei verschiedenen Gebäuden. Es ist ein bisschen verwirrend, aber ich kann mein Anliegen schildern und werde mit einem Zimmer versorgt. Ich buche Abendessen und Frühstück dazu, so brauche ich mich um die Essensbeschaffung bis zu meiner Weiterreise nicht mehr kümmern. Das Gasthaus riecht deutlich angenehmer als meine Bleibe gestern und ich kann auch bei näherer Betrachtung keine Riesenspinnen entdecken. Toilette und Bad sind auf dem Flur, aber alles ist sehr sauber und gepflegt. Ich lasse mir ein heißes Bad ein und entspanne anschließend ein bisschen in meinem Zimmer.

Bad.
Vorzimmer zum Bad.
Mein Zimmer.

Da schreibt mich mein Stahlwerkskumpel Masahiro an, er ist gerade mit seiner Familie in der Gegend unterwegs. Vor meinem Abendessen treffen wir uns in dem Städtchen. Ich sehe Masahiro und die Bernhardiner Fuu und Sen wieder und lerne seine Frau Yukiko und Tochter Amane kennen. Wirklich sehr liebe Leute. Wie unwahrscheinlich, dass wir uns je getroffen haben in diesem Leben. Nur weil ich zufällig von meiner Fähre einen Hochofen gesehen habe und so nah wie möglich ans Stahlwerk mit meinem Rad fahren wollte (toller Plan eigentlich 😂) und Masahiro zufällig gerade in dem Moment seine Hunde auf dem Parkplatz ausgeführt hat… Vielleicht besteht das Leben aus Zufällen und dem, was wir aus den Zufällen machen.

Von links nach rechts: Hintere Reihe: Amane, Yukiko, ich. Vordere Reihe: Fuu, Sen.

Zum Abschied bekomme ich noch eine Tüte überreicht mit ein paar Leckereien und Dingen, die meine Weiterreise ein bisschen erleichtern sollen. Ich bin ganz gerührt und bereichert von dieser schönen Begegnung. Tschüss, liebe Freunde und ich hoffe sehr, dass wir uns nochmal wiedersehen. Irgendwo auf dieser bunten Welt! 🙂

Mein Abendessen ist sehr lecker. Das am Gasthaus angeschlossene Restaurant feierte letztes Jahr 100 jähriges Bestehen. Die Kellnerinnen waschen irgendetwas hinter der Theke, es sieht sehr zeremoniell aus, wie sie es machten. Aber ich sehe nicht, was es ist. Sie begrüßen mich und reden mit mir in der leisesten Stimme, die man gerade noch so verstehen kann. Es fühlte sich sehr nach gehobener, traditioneller Küche an. Auch wenn ich nicht weiß, ob Dinge hinter der Theke waschen und extra leise reden japanische Merkmale einer Luxusküche sind.

Superleckeres Abendessen.

Und jetzt werde ich eine Augenmaske aus der Versorgungs-Wundertüte ausprobieren und dem plätschernen Regen lauschen, der mir hier in meinem Futon überhaupt nichts ausmacht.

18 Comments

  1. Claudia Ludwig

    Boah – was für ein Riesentier! Ich hole bei einer großen Hauswinkelspinne immer schon tief Luft und dann ein tieferes Glas mit einer größeren Öffnung und einem Blatt Papier, um sie nach draußen zu befördern. Aber diese Sorte ist ja kaum der Rede wert gegen dein Prachtexemplar!

    LG, mit dem höchsten Respekt für deinen Mut, mit dieser großen Spinne das Zimmer zu teilen!

    • Luisa

      Moin Claudia,
      Ich wüsste gar nicht, mit was für einer Falle man dieses Exemplar umsiedeln könnte… Einer Marderfalle vielleicht? Es könnte auch einfacher sein, sich irgendwo anders ein neues Haus zu bauen. 🙂
      Liebe Grüße aus Japan,
      Lulu

  2. Simone

    So nice for you to see Masahiro again and to meet his family. I was confused at first when I saw the photo of 2 giant dogs thinking “another pair of St. Bernards?” Ah! The same ones. How lovely!

    Hope the rain lightens a bit. Sleep well.

    • Luisa

      Fun fact: Fuu and Sen combined makes Fuusen – a balloon 🙂
      So far it’s still raining quite a bit outside, but it’s also still dark and according to the forecast, there’s hope. 🙂

      • Anke

        Moin. Also ich werde ja sowieso nie den Forscher- und Entdeckerpreis bekommen aber bei der Spinne wäre ich definitiv weg gewesen… vermutlich hätte ich mich auf den Flur oder vor das Haus gesetzt aber jetzt kommen einen die alten japanischen Gruselklassiker gar nicht mehr so abwegig vor
        Aber schön, daß Du die diversen Reisetipps Deiner Wegbekanntschaften gleich mit einbauen kannst.
        Ich glaube man findet immer und überall nette und nicht so nette Menschen – ob Touristen oder Einheimische…
        Weiter noch eine gute Fahrt und hoffentlich viele trockene Radelphasen!!
        Aktuelle Grüße aus dem Harz

        • Luisa

          Moin Anke,
          Ich reihe das Spinnenerlebnis unter „einmal erleben reicht“ ein. 😀
          Aber wer selbst einmal die Erfahrung machen möchte, um vielleicht Horrorfilmregisseur zu werden, die Spinne lebt in Zimmer 103. Wahrscheinlich immer noch, denn wenn man die totschlägt, muss man komplett renovieren.
          Hihihi… Je mehr Kilometer ich weg bin, desto lustiger finde ich es. 🙂
          Liebe Grüße in den Harz aus Japan!

  3. Bernhard Schroeter

    Hallo Lulu, Respekt, ich hätte das Spinnenvieh erst erschlagen und wäre dann eingeschlafen. Mit so etwas ein Zimmer zu teilen ist schon was besonderes. Ist ja auch irre, dass du deinen Stahlwerkskumpel mit Anhang nochmal getroffen hast. Schöne Weiterfahrt und dann viel Spaß in Nagano
    Tschüss Papa

    • Luisa

      Hallo Varrti,
      Das hätte ne Mordssauerei gegeben, diese Spinne zu erschlagen. Außerdem hättest du mal sehen sollen, wie schnell die rennen kann, die wär vielleicht sogar entkommen.
      Ich hätte fast gesagt, manch einer würde sogar Geld dafür bezahlen, sich ein Zimmer mit so einer Spinne zu teilen. Aber das hab ich ja auch irgendwie gemacht, haha.
      Dankeschön, Nagoya rückt immer näher. 🙂
      Alles Gute dir!
      Lulu

  4. Tam

    Lulu… that ️!!!!!
    Your friends- furry ones too!
    The views!
    The food!
    The kind man who gave you the fruit.
    Thanks for sharing your beautiful journey!
    ❤️❤️❤️❤️❤️❤️❤️

    • Luisa

      Thanks for traveling with me, TamTam! ❤️ That way I’m never alone here. 🙂

  5. OMG! Da kommen Erinnerungen an Australien hoch, da waren diese Viecher ständige Wegbegleiter auf meiner Reise und ich bin ja wirklich ein absoluter Tierliebhaber, aber an Spinnen komm ich so gar nicht ran (aber töten tue ich die auch nicht, ich halte lieber Abstand), ich wäre wahrscheinlich kreischend aus dem Zimmer gerannt hahahah. Also wirklich Respekt, dass du die Nacht dort verbracht hast 🙂 Freu mich schon auf deine nächsten Abenteuer, es macht wieder sehr viel Spaß zu lesen. LG Manja

    • Luisa

      Haha, Australien ist bestimmt noch ne andere Hausnummer, vor allem in Sachen Giftigkeit… Aber die Riesenspinne fand mich bestimmt noch riesiger und unheimlicher als ich sie fand – auch wenn ich weniger Augenpaare hab. 😉

  6. Johannes

    Ich musste lachen beim Bild „Rekord in Sachen früheste Abfahrt!“ xD

    Sehe ich das richtig auf dem letzten Bild: Da ist eine große Holzspinne auf dem Tisch – bist du dir sicher was du da gegessen hast?
    Spezialität der Region und Tagesgericht wäre ich sehr skeptisch 😉

    • Luisa

      Hehe, es kommt immer auf die richtige Motivation an – so klappt es dann auch mit der extrafrühen Abfahrt und etlichen erradelten Kilometer trotz ungünstigem Wetterbericht. ^^
      So ganz sicher, was man isst kann man sich wohl nie sein, aber die Riesenspinnen werden wohl hauptsächlich in Venezuela gegessen – da fahr ich dann doch lieber nen Umweg. ^^

  7. Daley

    Apparently a shoe trap will do the trick!! Though you must have big shoes as she was huge!! Now I wonder if I’ll sleep well tonight…

    • Luisa

      I’m not sure if the spider was actually in the shoe or under, I just know she ran towards me from the shoe. My brain decided to blank out as much details as possible. XD
      As long as you’re not in room 103 of a questionable hotel room in Japan, you should be safe to sleep soundly.
      Actually even I slept okay in that room. XD

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